In den Vorstädten von Paris wächst eine Jugend ohne Zukunft auf. Jetzt gründen manche dort Start-ups, unterstützt vom Staat, Saliha ist eine von ihnen. Aber reicht das?

Früher, wenn Saliha Chekroun die Betonwelt der Pariser Vorstadt vergessen wollte, robbte sie nach der Schule durch den Schlamm, schlug sich mit einer Machete durch den Dschungel und hangelte sich an Lianen zum virtuellen Ziel. Denn im Spiel Tomb Raider war sie nicht mehr das Mädchen aus der Banlieue, sondern die Archäologin Lara Croft.

Der Computer, an dem Saliha sich früher durch den Dschungel schlug, steht im zweiten Stock eines der Tetrisblock-Häuser in La Courneuve, einer Banlieue im Nordosten von Paris. Die Banlieues, die Vorstädte der Metropolen Lyon, Paris oder Marseille, stehen in Frankreich synonym für brennende Autos, Arbeitslosigkeit und eine Jugend ohne Zukunft. Doch das soll sich jetzt ändern, auch dank Saliha.

Denn heute, mit 23, fährt Saliha ihren Computer nicht mehr hoch, um vor der Realität zu fliehen, sondern um sie besser zu machen: Sie hat ein Start-up gegründet. Und sie ist nicht die Einzige.

Eine Mitfahrgelegenheit für Pakete

Saliha, Tuch um den Kopf und Lachfalten um die Augen, wohnt immer noch hier im Tetrishaus, zusammen mit ihren Eltern, die vor 30 Jahren aus Algerien eingewandert sind: Ihre Mutter ist Hausfrau, ihr Vater Friseur. Und hier, in ihrem Kinderzimmer, hat sie die Start-up-Idee entwickelt. Ihre Eltern schicken, wie viele Einwanderer, regelmäßig Parfüm, Bügeleisen oder Kleidung per Post in die alte Heimat. "Das war teuer, unzuverlässig und dauerte lange", sagt Saliha. Das geht besser, dachte sie. Und erfand Copelican, eine Mitfahrgelegenheit für Pakete, buchbar übers Internet: Reisende sollten Dinge von Leuten mitnehmen, die Sachen verschicken wollen. Wie Pelikane, die Nahrung in ihrem großen Schnabel transportieren können.

Salihas Mitgründerin Maâde Guettouche © Copelican

Gemeinsam mit einer Freundin arbeitete sie das Konzept aus, seit November sind sie online. "Gerade am Anfang war es schwierig, das Vertrauen der Nutzer zu gewinnen, wir hatten ja keine guten Bewertungen vorzuweisen", sagt Saliha. Beim ersten Kunden hing ihre Mitgründerin Maâde lang am Telefon, bis er sicher sein konnte, dass seine Kaffeemaschine für die Reise gut verpackt sein würde. Inzwischen stehen 2.000 Annoncen auf ihrer Seite, die Pakete von Copelican werden nicht nur nach Nordafrika, sondern auch durch Frankreich und ganz Europa verschickt, aus der Banlieue tragen die Reisenden sie nach Berlin, London und Brüssel.

Dank dieser Idee steht Saliha an einem Donnerstagabend im März auf einer Bühne in Sevran, einer anderen Banlieue. Ihre Hände umklammern einen Scheck im Wert von 10.000 Euro. Kein Stuhl ist frei, 250 junge Leute aus den Türmen der Vorstädte applaudieren. Saliha und Maâde haben soeben die StartUpper Academy gewonnen, den ersten Wettbewerb für junge Unternehmer aus den Banlieues.


"Start-ups sind kein Wundermittel für die Banlieues"
Mohamed Ghilli

Der Mann, der Saliha den 10.000-Euro-Scheck ermöglicht hat, heißt Mohamed Ghilli und ist nur ein paar Straßen entfernt aufgewachsen. Inzwischen fährt er eine silberne Mercedes B-Klasse und arbeitet für einen Investmentfond. Einen Monat nach der Preisverleihung steht er vor dem Kulturzentrum, in dem die beiden ihren 10.000-Euro-Scheck bekommen haben. Das Zentrum ist eine mit roter Plane umhüllten Halle, die zwischen den Wohnblocks aussieht, als wäre ein Ufo gelandet.

Ghilli hat sich aus der Banlieue herausgekämpft, aber viele seiner Freunde haben das nicht geschafft. Um das zu ändern, hat er im Januar die StartUpper Academy gegründet. Neben der Academy coacht er am Wochenende Schüler, zeigt ihnen Perspektiven jenseits von Gelegenheitsjobs und Tristesse. Er berät sie bei der Wahl von Praktika, zeigt ihnen, welche Stipendien es zur Finanzierung gibt und erklärt ihnen, dass sie im Ausland studieren oder arbeiten können, wenn sie wollen, obwohl sie aus der Banlieue kommen.

Auf der Straße vor der Halle fährt ein Junge im schwarzen Trainingsanzug Schlangenlinien mit seinem Roller. Es riecht verbrannt, eben waren Polizisten da, weil Jugendliche auf einem Parkplatz Böller gezündet haben. Und Start-ups wie das von Saliha sollen das hier alles besser machen können?

"Start-ups sind kein Wundermittel für die Banlieues", sagt er, "aber immer mehr Jugendliche haben hier den Mut, ihr eigener Chef zu werden." Er will ihnen dabei helfen. Dazu macht er Medien und Investoren auf Talente aufmerksam und ermöglicht den Gründern Trainings. Er will ihnen zeigen, dass ihre Herkunft und ihr Wohnort sie nicht bremsen müssen, sondern ihr Treibstoff sein können.

Saliha denkt bei Banlieue nicht an Beton, sondern an den Park

Tatsächlich ist die Banlieue für Saliha ein Ort, an dem sie leben und erfolgreich sein will. Wenn sie von ihrer Kindheit in La Courneuve erzählt, fällt ihr nicht zuerst der Beton ein, nicht die Sirenen der Polizeiautos, nicht der Gestank von Urin im Treppenhaus, sondern der große Park, in dem sie nachmittags mit dem Rad rumfuhr. Wiesen und Hügel wechseln sich mit kleinen Seen ab. Wäre Saliha, wie die meisten französischen Gründer, ein junger, weißer Mann mit reichen Eltern aus der Innenstadt, wäre sie wohl nie auf ihre Idee gekommen. Die Banlieue hat ihr Start-up erst möglich gemacht, könnte man sagen. Doch das ist nur die eine Hälfte der Geschichte.