Benjamin fährt mit einem Fluchtrucksack U-Bahn, hortet zu Hause Wasserkanister und ein Notradio. Er trainiert für Katastrophen und verdient damit sogar Geld. Warum?

Die Apokalypse beginnt auf einem Whiteboard in einem Mietshaus in Berlin-Charlottenburg. Mit schwarzem Filzstift malt Benjamin Arlet sie auf die Tafel: Das Stromnetz bricht zusammen. Ausgefallene Ampeln sorgen für Verkehrschaos, Menschen bleiben in Fahrstühlen und U-Bahnen stecken. Nach mehreren Tagen werden Nahrung und Wasser knapp. Nachschub gibt es nicht, denn weder Tankstellen noch Geldautomaten funktionieren. Die Folge: Unruhen, Plünderungen, Gewalt.

Benjamin, 26, kurze Haare, groß und drahtig, ist Prepper. Mit Hamsterkäufen und Überlebenstraining bereitet er sich auf den Weltuntergang vor, auch wenn er es nicht so nennt: Klimawandel und Terror, gefährliche Viren oder ein explodierendes Atomkraftwerk könnten uns gefährden. Da will er vorbereitet sein. Und jetzt, da die Welt noch nicht untergeht, kann er damit noch ein bisschen Geld verdienen. Denn die Szene wächst, und mit ihr die Zahl der Firmen, die Notfallprodukte und Kurse für "den Ernstfall" anbieten.

Deshalb hat Benjamin die Firma SurviCamp gegründet. Dort organisiert er Prepper- und Survivalkurse, die "Überleben im Winter" heißen oder "Schnupperkurs im Schießen". Jetzt steht er in den Büroräumen eines Altbaus im Westberliner Stadtteil Charlottenburg und gibt einen Prepperkurs für Einsteiger. Was alles passieren kann? "Naturkatastrophen, Wirtschaftskrisen, Hyperinflation, großflächige Stromausfälle, Terroranschläge. Aber im Prinzip ist alles möglich", sagt er. Klar ist nur, dass offenbar Insiderwissen und Tütensuppen gebraucht werden. Deshalb reicht er alles herum, was helfen könnte, wenn der letzte McDonald's von Lianen umrankt ist und Maggi die Dosenravioli für sich behält: einen Campingkocher, wasserfeste Streichhölzer, 20 Jahre lang haltbare Lebensmittel. Vegetarier? Kein Problem, auch für die gibt es das passende Notfallpaket mit Sojarisotto, Gartengemüse, Kartoffeleintopf und Nudeln in Tomatensoße.

Die Rettung in postapokalyptischen Zeiten hat ihren Preis.

Es ist eine Tupperparty für Apokalyptiker: Viel Theorie, keine Praxis, Teilnahmegebühr 60 Euro und die Gadgets können direkt im Anschluss bei ihm bestellt werden. Fünfzehn Leute sind gekommen: Eine Anwältin ist im Internet auf den Kurs gestoßen. Sie hat den Thriller Blackout gelesen, in dem der österreichische Schriftsteller Marc Elsberg die Folgen eines europaweiten Stromausfalls beschreibt. Nun will sie wissen, was zu tun ist, wenn das Ende naht. Ein Teilnehmer Mitte 30 sucht die extreme Naturerfahrung, ein Pärchen spürt eine diffuse Bedrohung, fühlt sich vom Staat im Stich gelassen und will die Vorsorge nun selbst in die Hand nehmen. Eine ältere Dame in rosa Tweedblazer mustert ein Pulver, aus dem man Omelett zubereiten kann und erkundigt sich nach dem Preis. Eine Monatsration mit getrocknetem Gemüse, Pumpernickel und Vollmilchpulver kostet 279 Euro. Die Rettung in postapokalyptischen Zeiten hat ihren Preis.

In den USA boomt die Szene schon länger. Dort gehen die Prepper ein bisschen weiter: Wer etwas auf sich hält, baut einen atomsicheren Bunker mit allerlei Schnickschnack wie Designerküche, Billardtisch, unterirdischer Spa und Hundespielplatz. Doch auch in Deutschland tauschen sich Prepper online darüber aus, was im Ernstfall zu tun wäre. Wer hat Tipps zum Vakuumieren, um Lebensmittel länger haltbar zu machen? Wie viel Anbaufläche braucht man, um sich selbst zu versorgen? Diskutiert wird im Prepper-Sprech: Ein Zombie ist jemand, der sich nicht auf die Apokalypse vorbereitet, WTSHTFWhen The Shit Hits The Fan, ist der Tag, an dem die Katastrophe eintritt. Zu Deutsch: Wenn die Kacke am Dampfen ist.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz sieht das etwas anders

Benjamin sagt, unsere moderne Infrastruktur sei hochkomplex und deshalb anfällig für Störungen. "Bei einem flächendeckenden Stromausfall droht Atomkraftwerken der Super-GAU, Krankenhäuser müssen schließen, Supermärkte können nicht beliefert werden – und ich denke, da sind die Regale schneller leer, als man gucken kann", sagt er und lacht. Was für viele nach einem Endzeitfilm klingt, ist für Benjamin ein wahrscheinliches Szenario.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe sieht das ein bisschen anders. Sie hält die Sorgen der Prepper für übertrieben. "Vorsorge ist zwar sinnvoll, um beispielsweise Überschwemmungen oder Stromausfälle zu überbrücken", sagt Wahid Samimy, Sprecher des Bundesamtes. Doch beschäftige man sich in der Behörde mit realistischen Szenarien, nicht mit Weltuntergangsfantasien. "Anders als einige Prepper verfolgen wir kein gewerbliches Interesse und profitieren deshalb nicht von Panikmache." Der deutsche Katastrophenschutz sei gut vorbereitet, versichert Samimy, auch auf größere Stromausfälle. Ein Komplettzusammenbruch sei unwahrscheinlich.

Der Fluchtrucksack ist immer gepackt

Benjamin sieht ein, dass er in Deutschland sicher lebt. Dennoch gebe es viele Gefahren – sich in Sicherheit zu wiegen sei eine davon: "Den meisten geht es schon so lange gut, dass sie fälschlicherweise von der Vergangenheit auf die Zukunft schließen und denken, dass es so weitergeht", sagt er. Allerdings funktioniert diese Strategie seit über 60 Jahren ziemlich gut. Und nur, weil lange nix passiert ist, heißt das nicht, dass morgen ein Atomkraftwerk explodiert.

Aufgewachsen ist Benjamin in einem 2.500-Einwohner-Dorf in Sachsen. Nach dem Abitur zog er nach Berlin, um Spieldesign zu studieren. Neben dem Studium entwickelte er eine Hörspielfortsetzung des Computerspiels Nehrim. Darin steht ein mittelalterlicher Kontinent kurz vor Ausbruch eines Bürgerkriegs. Irgendwann kam ihm der Gedanke: "Was, wenn es zur Katastrophe kommt? Dann wäre ein Spieldesigner der Erste, der nicht mehr gebraucht würde." Das war vor zwei Jahren. Anfangs wollte er einfach mehr Zeit in der Natur verbringen und grundlegende Survival-Fähigkeiten wie Feuermachen und Pilzesammeln lernen. Später wurde das Preppen zum Selbstläufer, jetzt ist er Vorsorge-Profi.

In seiner Wohnung hortet er Wasserkanister, Taschenlampen, einen Mehrstoffbrenner, Decken, Kerzen, ein Notfallradio. "Damit könnte ich einen Monat überleben, ohne die Wohnung zu verlassen", erklärt er.

Kompass, Erste-Hilfe-Kit und Powerbank hat er immer dabei

Wenn er vor die Tür geht, hat er immer einen Notfallrucksack dabei. Mit Kompass, Erste-Hilfe-Kit und Powerbank pendelt er zur Arbeit. "Wenn alles zusammenbricht, komme ich damit bis nach Hause", sagt er. Bis das passiert, nimmt er die U2 bis zum Hohenzollernplatz. Auch sei es wichtig, die unmittelbare Umgebung zu kennen: "Ich habe Stadtkarten, weiß, wo Krankenhäuser und Süßwasserquellen sind – das kann ein See wie die Krumme Lanke oder ein Fluss wie die Havel sein."

Auch ein Fluchtrucksack ist gepackt. Darin: robuste Kleidung, Seile, Messer, eine Machete – die braucht er, falls er sich den Weg freikämpfen muss. Denn wenn Benjamin es eines Tages nicht mehr bis nach Hause schafft, kann er sich damit eine Fluchtschneise durch den Großstadt-Dschungel schlagen. Danach will er die Stadt Richtung Norden verlassen und in der Wildnis ums Überleben kämpfen.

Obwohl seine Theorien verschroben und versponnen sind, wirkt Benjamin nicht wie ein verschrobener Spinner. Er spricht wie einer, der sich auskennt, unaufgeregt und abgeklärt. Preppen ist für ihn eine Art Versicherung, die er für den Fall der Fälle hat, wenn er sie nicht braucht – umso besser. Und versichern, das klingt vernünftig, das macht doch irgendwie jeder, oder? Krankenversicherung, Reiserücktrittversicherung, Brillenversicherung, wir sichern uns gegen alle möglichen Eventualitäten ab. Warum nicht auf die Apokalypse vorbereiten, einfach um sicherzugehen?

Bis zur Apokalypse ist das Pfadfinden für Erwachsene

Weil sich die Vorbereitungen der Prepper nicht gegen konkrete Szenarien, sondern diffuse Ängste richten. Klar könnte morgen in Berlin ein Meteorit einschlagen oder sintflutartige Regenfälle das Stromnetz lahmlegen. Doch käme Benjamin mit seiner Machete dann auch nicht weit. Weil die Zivilgesellschaft eben auch und gerade in Ausnahmefällen sehr gut funktioniert: Beim Terroranschlag am Berliner Breitscheidplatz haben die Behörden gut zusammengearbeitet, es brach keine Panik aus. Beim letzten Hochwasser in Ostdeutschland gab es Unterstützung aus ganz Deutschland, es wurde Geld gespendet und Sand in Säcke geschippt.

Warum machen die Prepper, was sie tun? Vielleicht, weil sie schon so weit gegangen sind, so viel Geld ausgegeben haben, dass umkehren peinlich wäre. Mit dem Preppen aufhören und sich blamieren? Lieber nicht. Vielleicht suchen sie stattdessen lieber nach Gründen, die das eigene Verhalten rechtfertigen. Benjamin hat allerdings auch nichts dagegen, wenn die Katastrophe ausbleibt: Im Anschluss an seinen Kurs können sich die Teilnehmer für ein Survival-Training im Wald anmelden. Auf dem Programm stehen Feuer machen, Wasser filtern, Nahrungssuche, das Schlachten eines Kaninchens – Pfadfinden für Erwachsene. Solange die Apokalypse ausbleibt, ist Preppen für ihn vor allem ein gutes Geschäft.

In einer früheren Version des Texts stand, Benjamin Arlet sei überzeugt, dass der Weltuntergang jederzeit eintreten könne. Er und die Firma SurviCamp stellen Katastrophenszenarien dar, sprechen jedoch nicht vom "Weltuntergang". Wir haben die entsprechende Stelle angepasst.