Er besucht Castings, obwohl er gar kein Zimmer sucht. Der Student Thien bekämpft so die Langeweile und versucht, ein Land zu verstehen, das ihn einsam machte.

Am liebsten besichtigt Thien WG-Zimmer, für die sich andere Münchner nicht interessieren. Zehn Quadratmeter, 750 Euro, keine U-Bahn in der Nähe – wer will da schon hin. Während des Castings erzählt Thien dann, dass er ein ruhiger Student ist, vielleicht hin und wieder ein Bier trinken geht. Sollte er nach ein paar Tagen eine Zusage für das Zimmer bekommen, wird Thien antworten, was er immer antwortet: "Nein danke, doch kein Interesse mehr."

Thien, der vor drei Jahren aus Vietnam nach Deutschland gekommen ist, hat keine 750 Euro im Monat für ein Zimmer. Der 23-Jährige kauft Eier aus Bodenhaltung bei Penny und eingeschweißte Bananen im Fünferpack. Um seine Miete zu zahlen, räumt er nach der Vorlesung im Großhandel Regale ein. Thien möchte gar keinen besonders hippen Ort zum Wohnen finden. Sein Bett steht 25 Kilometer außerhalb von München, in einem Kuhkaff. Er ist nicht genervt von WG-Besichtigungen, die für die meisten nervige Fresser von Zeit und Würde sind. Thien möchte Menschen kennenlernen.

Er findet sie bei Facebook, ist Mitglied in Dutzenden Gruppen, die "Das schwarze Brett München" heißen oder "Flatshare Munich". Gefällt ihm eine Anzeige, schreibt Thien den Anbieter an. Bekommt er eine Antwort, lässt er sich durch die Wohnung führen. Meist dann, wenn ihm nach der Vorlesung langweilig ist. Etwa 20 Abende hat er bisher so verbracht. "Das ist wie Shopping", sagt er. "Man geht zu Hugo Boss, probiert etwas an, das so viel kostet, dass man es sich nicht leisten kann, und legt es zurück." Sein richtiger Name ist nicht Thien, er möchte auch künftig Zimmer besuchen, ohne gleich erkannt zu werden.

Vielleicht versucht Thien, mit den Besichtigungen das Land besser zu verstehen, in dem er seit drei Jahren lebt und studiert, in dem er aber nie wirklich angekommen ist. Thien ist nicht nach München gezogen, weil ihm die Stadt besonders gut gefällt, sondern weil er dem Rat seiner Familie und Freunde gefolgt ist. Sie sagten, die Ausbildung für Ingenieure sei dort am besten. Außerdem hofft Thien, dass er seinen Traum, einmal künstliche Herzen zu entwickeln, so verwirklichen kann.

Doch wirklich wohl fühlt er sich in München nicht. Thien vermisst seine Freunde und das urbane Flair von Hanoi, der Metropole, in der er aufgewachsen ist und auf dessen Dächern seine Eltern Hühner züchten. Könnte er sich eine deutsche Stadt aussuchen, in der er leben würde, er ginge nach Berlin. "Dort gibt es Hochhäuser und in der Ringbahn sitzen Straßenmusiker", sagt Thien. "In München kommt bei so was sofort die Polizei."

Thien wirkt unscheinbar. Seine Haare sind kurz, er trägt Skinny-Jeans, schwarze Sneaker und liest am liebsten Science-Fiction-Romane von H. P. Lovecraft. Wenn Thien lächelt, sieht man sein Zahnfleisch. Wenn er spricht, dann so leise, dass man ihm sehr nah kommen muss, um ihn zu verstehen.

In der Universität ist Thien besonders leise. Die Deutschen in seinem Studiengang sammeln sich in Grüppchen; die Russen und die Chinesen bilden Cliquen. Vietnamesen gibt es nur zwei. "Einer kommt nie an die Uni", sagt Thien. "Der andere bin ich." In Berlin, den USA und Vietnam hat Thien einige Freunde, doch in München ist er fast ein Einzelgänger. Die Besichtigungen öffnen ihm einen Blick in das Leben anderer Leute, der ihm sonst verwehrt wird.

Ich schlafe dann wie ein Kind.

2014, in seinem ersten Jahr in München, wohnte Thien noch im Wohnheim mit zehn anderen jungen Ausländern, mitten in der Stadt. Er verbrachte hier wohl seine schönste Zeit in Deutschland. Am Abend saßen sie beisammen, tranken Bier und redeten; tagsüber lernte Thien Deutsch an der Sprachschule und freundete sich mit anderen Vietnamesen an. Ein Jahr später zogen die meisten der anderen nach Berlin. Weil das Wohnheim nicht zu seiner Universität gehört, musste sich Thien nun ein neues Zimmer suchen. In Pulling, einem 800-Seelen-Dorf, fand er eine Einzimmerwohnung für 340 Euro. Die Sprachschule war vorbei, das Studium begann – und damit das Gefühl, allein zu sein.