Ich bin immer der Einzige, der im Büro den Kaffee kocht, fand unser Autor. "Sie irren sich", sagt der Soziologe Bernd Vonhoff. Denn das Büro ist ein ganz besonderer Raum.

ZEIT Campus ONLINE: Herr Vonhoff, in unserem Büro gibt es eine Kaffeemaschine, die sich alle Kollegen teilen. Eigentlich soll immer die Person, die die Kanne leer macht, frischen Kaffee kochen. Trotzdem habe ich das Gefühl, ich bin der Einzige, der das jedes Mal macht. Warum?

Bernd Vonhoff: Ich gehe mal davon aus, ganz liebevoll formuliert, dass Ihr Gefühl Sie täuscht. Wenn man Menschen zu solchen Dingen befragt, gibt es überproportional viele Menschen, die sich für die Verantwortlichen halten. Aber Sie werden es vielleicht häufiger machen als andere. Grundsätzlich ist es so: Wenn mehrere Menschen Verantwortung für eine Sache tragen, entsteht eine sogenannte Verantwortungsdiffusion. Weil theoretisch jeder Kaffee kochen könnte, macht es niemand. Das kennen Sie von Unfällen: Wenn ein Unfall passiert, bei dem viele Leute zugucken, gehen alle davon aus, dass irgendwer schon die Polizei oder den Krankenwagen rufen wird. Und deshalb macht es oft keiner. Die Menschen warten darauf, dass jemand die Initiative ergreift.

ZEIT Campus ONLINE: Also ist unsere Bürokaffeemaschine eine Unfallstelle?

Vonhoff: Ja, sozialpsychologisch ist das kein großer Unterschied. Wir orientieren uns immer an anderen. Wenn wir feststellen, der andere hat das auch nicht gemacht, fangen wir an zu zweifeln: Warum soll ich das tun? Diesen Effekt gibt es an Unfallstellen, aber auch bei der Kaffeemaschine, beim Klopapier oder am Kopierer. Deshalb sind das die Klassiker unter den Unternehmenskonflikten.

ZEIT Campus ONLINE: Wie löst man das?

Vonhoff: Mit Regeln. Sie könnten das machen wie in WGs und Dienste verteilen. Noch besser ist es, wenn Sie das in der Gruppe besprechen: Diese Woche bist du dran, nächste Woche du und übernächste Woche du. Dann ist die Verantwortung zugeordnet und jeder weiß, was zu tun ist. Diese Regeln reduzieren Komplexität. Denn im Job müssen Sie viele verschiedene Arten von Informationen verarbeiten – alles, was diese Komplexität reduziert, hilft. Bei diesen kleinen Dingen wie der Kaffeemaschine, die wir als nicht besonders wichtig erachten, werden wir zuerst nachlässig, wenn wir von Komplexität überfordert sind. Und dann ärgern sich die Leute, die wie Sie das Gefühl haben, sie wären die Einzigen, die das machen. Vielleicht haben Sie aber auch einfach ein hohes Verantwortungsgefühl. Fühlen Sie sich denn gut, wenn Sie den Kaffee kochen, oder sind Sie eher sauer?

ZEIT Campus ONLINE: Na ja, eher sauer eigentlich.

Vonhoff: Gut, dann haben Sie vielleicht doch kein höheres Verantwortungsgefühl. Denn dann müsste Ihr Kaffeegekoche eigentlich ein Erfolgserlebnis für Sie sein.

Im Büro sind wir die Kleinkinder, die sich wegducken können, wenn wir eine Aufgabe nicht machen wollen.

ZEIT Campus ONLINE: Viele Kollegen haben Kinder, denen sie beibringen, die Spülmaschine einzuräumen. Aber im Büro stellt niemand sein Geschirr in die Spülmaschine. Wie kann das sein?

Vonhoff: Zu Hause sind die Verantwortlichkeiten geklärt: Die Eltern wissen, es gibt in der Verantwortungskette keinen, der über ihnen steht. Entweder sie müssen es selber machen oder die Verantwortung an ihre Kinder delegieren. Im Büro nehmen wir uns aber nicht als die Ranghöchsten wahr, die delegieren dürfen. Im Büro sind wir die Kleinkinder, die sich wegducken können, wenn wir eine Aufgabe nicht machen wollen. Wir verdrücken uns einfach mit dem guten Gefühl: Wenn der andere das nicht macht, muss ich das auch nicht machen. Wenn kein Kaffee da ist, bin ich nicht der Einzige, der Schuld hat.