H&M verkauft Blumenröcke, lange Haare bei Männern sind auch wieder in. Wie politisch die Mode aus den 68ern heute noch ist, erklärt die Modetheoretikerin Barbara Vinken.

Wie bei einer Zeitreise: Auf studentischen Demos fühlt man sich oft wie ins Jahr 1968 zurückversetzt. H&M und Co verkaufen Blümchenketten und Hippie-Röcke, bei Protesten laufen noch immer lauter Bundeswehrparkas und Pali-Tücher herum und sogar lange Haare für Männer sind wieder in.

Die Professorin und Modephilosophin Barbara Vinken erklärt, warum Studenten heute trotzdem noch über ihre Kleidung protestieren – selbst dann, wenn sie das gar nicht vorhatten.

ZEIT Campus ONLINE: Frau Vinken, bei den Schlagwörtern 1968 und Mode denken die meisten wohl an Flower Power und Woodstock. Stimmt das Klischee?

Barbara Vinken: Nur zum Teil. Der Hippie Look, der Woodstock 1969 bestimmte, spielte eine große Rolle. Man trug aber auch Tweedjackets, Holzfällerhemden, selbstgestrickte Pullover, Rollkragenpullover, Lederjacken und natürlich Jeans.

ZEIT Campus ONLINE: Lange, offene Haare galten schon als Protest. Wieso sorgte eine neue Frisur für so viel Empörung?

Vinken: Lange Haare galten damals als weibisch, das wurde als Bedrohung der Männlichkeit aufgefasst. Männer sahen auf einmal aus wie Frauen, wie schrecklich!

ZEIT Campus ONLINE: Heutzutage sind lange Haare bei Männern ja wieder in, zum Beispiel der Man Bun.

Vinken: Ja, denken Sie auch an den Zopf von Karl Lagerfeld. Bei der Haartracht kommt gerade der Dandy des 18. und 19. Jahrhunderts zurück. Der Bun ist allerdings inspiriert von den japanischen Kriegerfrisuren. Auch Röcke, die für Männer wieder modern werden, gehen zurück auf die Kleidung von Kriegern, wie sie in Japan oder auch in Schottland üblich war. Das hat nichts mit dem weiblichen Rock zu tun.

ZEIT Campus ONLINE: Also ist aus der weibischen Frisur und Kleidung wieder ein maskulines Kriegerkostüm geworden?

Vinken: Für die offenen, lockigen Männerhaare gab es kein kriegerisches Vorbild. Es handelte sich eher um ein Aufbegehren gegen die kurzgeschorenen Haare der Nationalsozialisten.

"Weil der Körper jetzt sichtbarer ist muss er gepflegt, schön, schlank, durchtrainiert und gebräunt sein."
Barbara Vinken

ZEIT Campus ONLINE: Wie sah es bei den Frauen aus: Trugen sie bei den Protesten feministische Mode?

Vinken: Teils teils. 1968 hatte feministische Züge. Es ging um free love, um neue Formen des Zusammenlebens, um selbstbestimmte Sexualität. Make love not war. Frauen entwarfen sich als begehrende Subjekte. Aus den traditionellen Beziehungen entlassen, wurden sie damit auch freier. Insofern war diese Bewegung emanzipativ, die Frauen hatten die Hosen an: lange Hosen wurden zu einem Standard in der Frauenkleidung.

Alexander Kluge
Die Auslöser der 68er-Bewegung
Benno Ohnesorgs Tod, Rudi Dutschkes Reden und die Intervention des Philosophen Jürgen Habermas: Der Filmemacher Alexander Kluge zeichnet in dieser Collage nach, wie vor 50 Jahren der studentische Protest aufflammte.

ZEIT Campus ONLINE: Und warum war es nur zum Teil eine Befreiung?

Vinken: Man kann es auch als einen Anspruch der Männer auf unverbindlichen Sex betrachten. Wie heißt es noch gleich? "Wer zweimal mit der Gleichen pennt, gehört schon zum Establishment." Diese 68er-Bewegung war zu großen Teilen supermacho: Die Männer redeten und die Frauen spielten Groupies.

ZEIT Campus ONLINE: Inwiefern hat sich die sexuelle Befreiung in der Mode niedergeschlagen?  

Vinken: Der Körper wurde im Kleid sichtbarer, er kam näher. Wie Roland Barthes es einmal so schön ausdrückte: Es ist ein uns freundlicherer Körper. Das heißt, der Körper wird durch die Kleidung nicht mehr so eingesperrt und versteckt. Man kann es natürlich auch böse formulieren und wie Bourdieu sagen, dass der Körper zum symbolischen Kapital wird: Weil der Körper jetzt sichtbarer ist, muss er gepflegt, schön, schlank, durchtrainiert und gebräunt sein.

ZEIT Campus ONLINE: Damals wurden auch der Minirock erfunden und BHs verbrannt. Sind wir heute prüder als 1968?

Vinken: Der nackte Busen unter dem T-Shirt macht Frauen nicht weniger zum Sexobjekt als ein spitzer BH. Der witzigste Kommentar dazu ist der Kegel-BH, den Jean-Paul Gaultier für Madonna entwarf. Der BH sah aus wie ein Torpedo, einfach cool, diese Waffen einer Frau. Immer mehr Nacktheit ist nicht automatisch ein Zeichen für mehr Befreiung.