Vor einem Jahr besetzten junge Linke Paris, demonstrierten mit Altlinken zu Zehntausenden. Die Wahl haben sie trotzdem verloren. Und nun? Es ist furchtbar kompliziert.

Am Sonntagabend, Emmanuel Macron ist noch keine Dreiviertelstunde gewählter Präsident, zieht ein Komiker im Nordosten von Paris in den Krieg.

Das Tränengas beißt in seiner Nase. Er trägt einen weißen Snowboardhelm mit drei dick aufgeklebten roten Stoffkreuzen, vorne hat er eine Lampe montiert. Auf seinen Rücken hat er zwei Schultertaschen gespannt, mit Tübchen, Fläschchen und Sprays für alle Verletzungen, die im Häuserkampf mit der Polizei so anfallen können.

Denis ist 25 Jahre alt und sagt, eigentlich sei er freiberuflicher Witzemacher, aber jetzt und hier, im Krieg gegen Macron, ist er Sanitäter.

Die Polizei hat das Tränengas vor wenigen Minuten hier in Ménilmontant gezündet, vier Kilometer entfernt vom Vorplatz des Louvre, wo Macron gerade seinen Sieg feiert. "Das ist nicht dasselbe Zeug, das sie sonst immer einsetzen", sagt Denis.

Sonst immer, das sind die Demos, auf denen Denis und der Rest der jungen, radikalen Linken von Paris auf die Polizei stoßen. Zuletzt kam es am Ersten Mai zu Ausschreitungen, das Bild eines brennenden Polizisten ging um die Welt. Die Radikalen sind ein Teil derer, die den Altlinken Jean-Luc Mélenchon im Präsidentschaftswahlkampf fast in die zweite Runde gehievt hätten.

30 Prozent der jungen Franzosen haben in der ersten Runde Mélenchon gewählt, er war ihr stärkster Kandidat. Und hier, im 20. Arrondissement von Paris, bekam er fast 32 Prozent der Stimmen aller Wähler, mehr als in jedem anderen. Aber es reichte nicht für Mélenchon, er wurde Vierter. Und deshalb herrscht nun Krieg. "Ni le Pen, ni Macron, ni patrie, ni patron!", rufen die Demonstranten, weder Le Pen noch Macron, weder Chef noch Vaterland fordern sie. Macron ist das Kapital und Le Pen der Rassismus, für sie gibt es nur einen legitimen Präsidenten: Mélenchon.

Es fühlte sich in Paris wieder an wie im Mai 1968, als würde da eine neue linke Bewegung entstehen.

Der linke Widerstand begann im vergangenen März, als sich im ganzen Land eine breite Opposition gegen das Arbeitsmarktgesetz der Regierung Holland bildete.Die alten linken Gewerkschaften erhoben sich, und mit ihnen erstmals eine junge Generation, die in Frankreich wenig Perspektiven hat – in den Großstädten Paris, Lyon und Marseille waren das zwar vor allem Intellektuelle, aber mit Abschlüssen, die ihnen keine Jobs bringen außer gelegentlich eine Stelle im Café.

Hunderttausende gingen in Frankreich auf die Straße, aber die Jungen wollten nicht nur demonstrieren, sondern auch miteinander ins Gespräch kommen. So entstand die Nuit-debout-Bewegung: Junge Linke hielten einen Platz im Zentrum von Paris besetzt, um eine neue Republik herbeizureden und es fühlte sich in Paris wieder an wie im Mai 1968, als würde da eine neue linke Bewegung entstehen, die jung ist, mit frischen Ideen für eine Welt, die über Haushaltsabschlüsse und Kosten-Nutzen-Rechnungen hinausgeht.

Heute, ein Jahr später, ist nicht mehr viel übrig von Nuit debout, die 170.000 Likes auf Facebook zeugen noch von der Kraft, die die Bewegung damals plötzlich weltweit entfaltete. Aber auf der Place de la République in Paris, wo alles begann, wo vor einem Jahr die Generalversammlung abgehalten wurde und junge Linke über die Zukunft diskutierten, da sind heute kleine Halfpipes für Skater.

Die Präsidentschaftswahl haben die Linken auch verloren. Wie wollen sie jetzt weitermachen?Auf die Fresse, auf die Straße oder auf ins Parlament?

Einige Stunden vor Kriegsbeginn sitzt Armand Bégué in einer Brasserie und sagt: "Die Gewalt der Polizei während der Demonstrationen gegen das Arbeitsmarktgesetz hat viele in der Bewegung radikalisiert. Die permanenten Kontrollen an öffentlichen Plätzen, die Willkür der Polizei und die übertriebene Bewaffnung hat viele Demonstranten, die eigentlich friedlich waren, wütend gemacht." 

Im vergangenen Jahr war Armand auch bei Nuit debout. Man traf sich und redete miteinander. Und die Polizei reagierte mit Repressionen, so stellt es zumindest Armand dar. Er sagt, Polizisten hätten ihnen bestätigt, dass Demonstranten gezielt angestachelt werden sollten, um die linke Bewegung zu diskreditieren. Weil die linke Regierung von François Hollande keine linken Protestierer gegen ihre Arbeitsmarktreform auf der Straße sehen wollte.