Statussymbole? Doch nicht in der Generation Y. Unsere Autorin will das Gefühl der Generation Golf erleben. Ohne Führerschein, aber mit Chauffeur Reinhard.

Dieser Text ist zuerst in Die Epilog — Zeitschrift zur Gegenwartskultur erschienen.

Ich habe keinen Führerschein. Meine Eltern haben auch keinen. Meine halbe Familie hat keinen, genau genommen. Mein Leben passierte zu Fuß, im Bus, in der U-Bahn. Ein einziges Mal saß ich hinter einem Lenkrad. Da war ich 19. Neben mir saß Till. Um uns herum die baden-württembergische Provinz. Nach zehn Metern lag die Radkappe auf dem Feldweg und der Wagen im Acker. Ich habe keine Ahnung von Autos. Deswegen bin ich genau die Richtige für einen Auto-Test.

Ich bin 29 Jahre alt und gehöre zu einer Generation, in der es keine Statussymbole mehr gibt, deren Lebensgefühl es ist, sich auf keines mehr festlegen zu können. Die Generation Golf hingegen war weniger verloren. Ich möchte es erfahren, dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, das von rostigen Blechtüren, Viertakt-Reihenmotoren und umklappbaren Rückbänken festgehalten wird. Der Golf war der Wagen für jedermann, klassenlos, ein "Get together" in Autoform, wie ein Fernsehabend mit Wetten, dass...? und Erdnussflips, so schrieb es Florian Illies in seinem Bestseller und "tunte" damit den Mythos.

Live fast, die young
Reinhard

Reinhard ist heute mein Chauffeur. Zu unserer Spritztour gurke ich mit dem Fahrrad. Er holt mich am Bahnhof in Überlingen ab. Wir haben keinen Ferrari und keine Toskana. Wir haben einen Volkswagen Golf und den Bodensee. Datum der Erstzulassung: 1989, Kraftstoffart: Benzin, Höchstgeschwindigkeit in km/h: 170, Hubraum in cm³: 1760, Länge: 3,985 Meter, Breite: 1,665 Meter, Höhe: 1,415 Meter, technisch zulässige Anhängelast ungebremst in kg: 480.

Reinhard ist 60 Jahre alt und gehört damit zur Generation Aufbau oder Woodstock, sagt er, aber eigentlich gab es damals solche Bezeichnungen noch nicht. Die Generation Golf erlebte er hautnah, weil einige der Frauen, mit denen er zusammen war, jünger waren als er und zur Generation Golf zählten. Und Frauen hatte er viele. Autos auch. In der Siebzigern war Reinhard DJ, am liebsten legte er "dirty black music" auf, überall auf der Welt. Lange an einem Ort blieb er nie. "Live fast, die young", sagt er. Das war Freiheit, aber auch Einsamkeit.

Seine Jacke könnte auch ein Autositz sein: Wildleder, innen Fell.

"Du kommst irgendwo hin und kaum lernst ein paar Leute kennen, Freunde, Mädchen, musstest du dich auch schon gleich verabschieden." Er überlegt kurz. "Wobei ... Bei den Mädchen war es vielleicht gar nicht so schlecht, dass ich schnell wieder weg war", sagt er und lacht. Aus der Hippie-Mähne sind graue Löckchen geworden, die aus der Kappe in den Nacken lugen, das schwarze Hemd spannt am Bauch. Seine Jacke könnte auch ein Autositz sein: Wildleder, innen Fell.

Weil er so gerne Shows macht, ist Reinhard Eventmanager geworden. Da er früher Modenschauen veranstaltet hat, nennt man ihn in Überlingen den "Laberfeld". Und weil er halt so gern redet. Schon mit drei Jahren stand er auf der Bühne und hat Gleichnisse aus der Bibel aufgeführt, erzählt er, während wir aus der Kleinstadt eiern.

"Dädsch heit no losfahre?!", poltert er den Fahrer vor uns an. Es ist ein genüssliches Zetern. Ab und zu verfällt Reinhard in badischen Dialekt, streut manchmal eine englische Redensart in Ami-Slang ein, "come on" zum Beispiel. Eine Weile lebte er in Kalifornien. Wir sind auf dem Weg nach Nußdorf, einem Stadtteil südöstlich von Überlingen. Martin Walser wohnt hier in einem Haus am See, er ist der berühmteste der etwa 1.500 Einwohner. Aber wir wollen lieber weiter nach Birnau. Schon von Weitem erkennt man die lachsfarbene, barocke Wallfahrtskirche, die über Weinbergen in die Landschaft ragt. Von Birnau hat man den wohl besten Blick über das Nordufer des Bodensees. Es ist ein trüber Januartag und trotzdem ist es hier ein bisschen zu strahlend.

"Du, mach mi' jetzt nit schwach, heit isch kei' G'meinderatssitzung."
Chauffeur Reinhard

Auch Meersburg verschwendet seine Schönheit: ein Erholungsort mit engen, steilen Gassen, einem Schloss und Winzereien, in denen man Pinot Noir Blanc de Noirs trinkt. Ich nehme einen Schluck Wasser aus meiner zerbeulten Plastikflasche. Wir fahren einen Spazierweg mit Kopfsteinpflaster durch die Altstadt, vorbei an Souvenirläden und Cafés. Obwohl Winter ist, sind die Straßen an diesem Nachmittag verdächtig leer. Ich wundere mich, ob wir mit dem Auto hier entlang überhaupt fahren dürfen. Ich frage Reinhard nicht.

Plötzlich klingelt das Handy. "Ingo, isch's wichdig?" Zum ersten Mal ist er sprachlos, wenn auch nur für einen kurzen Moment. "Du, mach mi' jetzt it schwach, heit isch kei' G'meinderatssitzung", sagt er. Die politische Tätigkeit in der Kommune gehört zu Reinhards konventionelleren Eigenschaften. Er legt auf. Alles gut: Erst kommende Woche wird sein Typ verlangt. Wir streifen mittlerweile durch Hagnau. "Da habe ich früher mal aufgelegt", sagt er und zeigt auf einen schmucklosen Bau an einem Ortsausgang. "Heute ist das ein Puff."