Wir sind junge, gebildete Migranten, arbeiten hart, denken und leben konservativ. Sind wir Außenseiter oder lösen wir die alte Generation der Konservativen ab?

Dieser Text ist Teil unserer Serie Jung und konservativ. Die Serie ist Teil des Projekts #D17, das Deutschland vor der Wahl porträtiert. Bis zur Bundestagswahl (und darüber hinaus) wollen wir in Porträts, Leserartikeln, Essays und Interviews der Frage nachgehen, was es heute heißt, jung und konservativ zu sein. Und auch der Frage, was es heute heißt, jung und links zu sein, gehen wir weiterhin nach.

Ich bin Mitte 20, Studentin, Mutter, habe polnische Wurzeln. Was denkt ihr wohl, wie ich bin? Nein, ich komme weder aus einer Arbeiterfamilie, noch bin ich ein Hausmütterchen mit Alibistudium. Und das Baby war auch kein sogenannter Unfall, was für ein Unwort. Ich muss euch enttäuschen.

Mit meiner Tochter und meinem Mann wohne ich in Berlin, genauer gesagt im Wedding. Wer Berlin gut kennt, weiß was Wedding bedeutet. Es sind nicht nur die vielen Obdachlosen auf der Müllerstraße oder täglichen Polizeieinsätze – und ich spreche hier nicht von Kavaliersdelikten. Es sind nicht nur Großfamilien, deren Kinder die meiste Zeit des Tages auf der Straße verbringen. Es sind nicht nur hedonistische Studenten, die die günstigen Mieten im Wedding entdeckt haben. Nein, zwischen all den Menschen (verzeiht, wenn ich die vielen anderen  nicht erwähne), gibt es tatsächlich auch Studenten, die für den Protohipster schlicht als spießig gelten würden. Man sieht es ihnen aber nicht sofort an.

Meine Nachbarn: 30, marokkanischer Migrationshintergrund, Medizinstudenten, verheiratet, bewusst geplantes Baby, CDU-Wähler.

Ein Freund von nebenan: 28, türkischer Migrationshintergrund, Jurastudent, CDU-Wähler.

Eine enge Freundin, 26, russischer Migrationshintergrund, Sprachwissenschaftlerin, verlobt, CDU-Wählerin.

Mein Mann und ich: 27, polnischer Migrationshintergrund, BWL- und Politikstudenten, verheiratet, bewusst geplantes Baby, CDU-Wähler. 

Von nichts kommt nichts.

Wir alle wollen mal aus dem Wedding weg. Aber wie die Deutschen gerne sagen: Von nichts kommt nichts. Wir wissen das bestens. We want to have it all – und wir sind auf dem Weg, es zu erreichen. Wir sind ehrgeizig, wir lernen, wir arbeiten nebenbei und ziehen unseren Nachwuchs groß.

Natürlich sprengt dies den Horizont der vorwiegend deutschen Senioren in der Brüsseler Eck-Kneipe oder den langjährig von der Grundsicherung für "Arbeitssuchende" lebenden  Nachbarn von nebenan. Daher möchte ich als Tochter von Migranten zum Verständnis beitragen.

Erstens, liebe Mitbürger: Wir sind die Zukunft Deutschlands. Ich möchte niemanden mit Sätzen langweilen, die er oder sie schon 100 Mal gelesen hat. Es gibt demographische und wirtschaftliche Chancen für Deutschland, sie wurden oft analysiert.

Aber es gibt noch einen Wandel, der seltener zur Sprache kommt: den intellektuellen Wandel. Fakt ist, dass unsere Neigung zum Studium höher ist als bei unseren Mitbürgern ohne Migrationshintergrund, nämlich um 9 Prozentpunkte. Dies wurde vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung bereits 2015 in einer Studie über einen Zeitraum von 11 Jahren erfasst.

Diese Menschen unter uns, die es geschafft haben, ihr Abitur zu machen, treibt etwas an. Ich  nenne das eine neue Chance für Deutschland.

In der globalen multikulturellen Welt des 21. Jahrhunderts sind wir die Pioniere.

Wir gehören nicht mehr länger zu den Ausgegrenzten, nein, auch wenn unsere Etikette "Deutsche mit Migrationshintergrund" suggeriert, wir seien keine echten Deutschen. Wir treiben Deutschland an. Unsere Stärke liegt in unseren diversen kulturellen, sprachlichen und lebensphilosophischen Wurzeln. Dies prägen unsere Ideen und unsere Mentalität. Egal ob wir Künstler, Wissenschaftler oder Manager sind. Auf dieses Anderssein sind wir stolz. Wir verstecken es nicht – damit ist Schluss –, sondern machen es zu unserem höchsten Gut.

Wir wollen mehr, weil wir wissen, dass das Leben woanders oft härter ist.

Zweitens: Wir sind die neue konservative Elite. Neu, weil die Klingelschilder von Ärzten und Anwälten nicht mehr nur den Schmidts und Müllers des Landes gehören, sondern auch den Celiks und Kowalskis. Auch früher gab es sie vereinzelt, doch nun sind sie keine Rarität mehr. Nicht jeder Marek ist der biertrinkende polnische Handwerker von nebenan und nicht jeder Ali Dönerbudenbesitzer in Kreuzberg. Und wenn sie es ab und an sind  – wir schätzen polnische Handwerkerarbeit und türkischen Döner hier sehr –, dann versuchen ihre Kinder neue Welten zu erobern.

Wir wollen mehr, weil wir wissen, dass das Leben woanders oft härter ist. Wir wollen ein besseres Leben. Wir wollen weder zurück in unsere Herkunftsländer, noch wollen wir hier in Deutschland unsere Chancen verpassen und in einer Plattenbauwüste vertrocknen.