Sie schlucken abgelaufene Pillen, riskieren ihr Leben auf Demos – oder trauen sich nicht mehr aus dem Haus. Vier junge Venezolaner über den Alltag im Ausnahmezustand

Seit Monaten herrscht in Venezuela Ausnahmezustand. Bei Protesten gegen die Regierung von Präsident Nicolás Maduro werden immer wieder Menschen getötet, es fehlen Lebensmittel, Geld und Medikamente. Vier junge Venezolaner erzählen, wie sie versuchen, zu überleben. Um sie vor einer Verfolgung durch Behörden zu schützen, haben wir ihre Namen abgekürzt oder anonymisiert:

Die Hotelgäste klauen, was nicht niet- und nagelfest ist

Marcos, 25, Hotelmanager, Valencia (Name geändert)

Mein Vater besitzt ein Hotel in Valencia, einer Stadt im Norden Venezuelas. Als ich klein war, sind Touristen aus der ganzen Welt nach Venezuela gekommen, um am Strand Urlaub zu machen oder den Nationalpark Morrocoy zu besuchen. Doch Tourismus gibt es kaum noch. Die wenigen Gäste, die noch in unser Hotel kommen, sind Landsleute. Es ist extrem schwierig, das Hotel am Laufen zu halten. 

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Sie haben uns Ihre Antworten auf wichtige gesellschaftliche Fragen genannt. Viele Teilnehmer sind aber bei genau diesen Themen ganz anderer Meinung als Sie. Würden Sie gerne wissen, warum? Dann treffen Sie sich doch einfach!
Lernen Sie am Sonntag, den 18. Juni zwischen 15 und 18 Uhr eine Leserin oder einen Leser von ZEIT ONLINE aus Ihrer Region kennen, der oder die anders denkt als Sie. Machen Sie mit bei „Deutschland spricht!“. Worum geht es? Wir haben nicht zuletzt von den USA gelernt, dass demokratische Gesellschaften sich spalten können. Im schlimmsten Fall verlernen sie, miteinander zu reden. Dann versteht die eine Seite die andere nicht mehr, und beide Seiten tendieren dazu, immer bedingungsloser an Ihren Positionen festzuhalten und immun gegen Argumente zu werden. Wir wollen an einem Tag in diesem Jahr politische Gegner wieder miteinander ins Gespräch bringen. Ein offener Austausch der Argumente in einem echten Zwiegespräch. Von Angesicht zu Angesicht, überall in Deutschland. Wenn Sie dabei sein wollen, können sie sich jetzt anmelden. Wir werden wir für Sie dann in den kommenden Wochen einen Gesprächspartner in Ihrer Region suchen, mit dem Sie sich treffen können.
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Lebensmittel werden immer knapper, aber auch Hygieneartikel bis hin zu Toilettenpapier gibt es kaum zu kaufen. Wir versuchen trotzdem, unseren Gästen einen Mindestkomfort zu bieten. Doch Venezuela versinkt nicht nur auf den Straßen in Chaos und Gewalt, auch im sozialen Umgang haben wir ein primitives Niveau erreicht: Die Hotelgäste klauen, was nicht niet- und nagelfest ist. Decken, Taschentücher, Toilettenpapier und selbst Dinge wie Glühbirnen und Haartrockner werden abmontiert. Was sie zu Hause nicht haben, wird mitgenommen. Ich habe das Glück, dass in meinem Kühlschrank fast immer etwas Essbares ist. Ich lebe von den Ersparnissen meiner Eltern, die in besseren Zeiten Geld zurücklegen konnten. Der Hunger ist für mich nicht das größte Problem.

Mich belastet die ständige Bedrohung im Alltag. Ich wurde zweimal überfallen, einmal zusammen mit meiner Mutter. Mein Vater wurde zweimal entführt. Das ist leider normal in Venezuela, wir nennen das "Express-Entführung". Man wird gezwungen, am Automaten Bargeld abzuheben oder mehrere Tage festgehalten, während die Familie Geld auftreiben muss. 

Dann ruft die Polizei an und sagt mir, wo ich das Auto gegen Lösegeld abholen kann.

Wir werden nicht etwa entführt und erpresst, weil wir Geld haben, oder danach aussehen. Es kann jeden treffen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit, einfach immer. Egal, ob du Geld hast oder nicht. Allein das kleine Abhebelimit deiner Kreditkarte ist hier gefühlt ein halbes Vermögen wert. Was nach dystopischem Alptraum klingt, ist für uns bittere Realität. 

Fünf meiner sieben Geschwister zahlen mittlerweile einen sogenannten Impfstoff, eine Art Schutzzoll an die Polizei, der sie vor Überfällen schützen soll. Denn oft arbeitet die Polizei mit Entführern zusammen. Selbst am Telefon wurden wir erpresst. Dann drohen sie mit einer Entführung und wollen das Geld schon vorher. Manchmal ist auch plötzlich das Auto weg. Dann ruft die Polizei an und sagt mir, wo ich es gegen Lösegeld abholen kann. Abholstation ist oft das lokale Gefängnis.

Dort wird jeder am Empfang direkt gefragt, ob er oder sie einen Insassen besuchen will oder wegen eines Autos kommt. Vor der Lösegeldkasse bilden sich lange Schlangen. In Venezuela sind Polizisten Kriminelle in Uniform – wenn ich einen sehe, spüre ich Angst statt Beruhigung.

"Caracas steht vor dem Kollaps"

Ana, 22, Jurastudentin, Caracas

Vor ein paar Tagen wurde ein Kommilitone bei Protesten durch eine explodierende Bombe getötet. Freunde von mir wurden verletzt. Immer wieder wird gezielt auf Demonstranten geschossen. Die Polizei setzt massiv Tränengas ein. Caracas steht vor dem endgültigen Kollaps.

Die aktuelle Eskalation ist das Ergebnis einer langen Entwicklung: Seit ich denken kann, geht es mit Venezuela bergab. Ich war gerade einmal vier Jahre alt, als der Vorgänger von Nicolás Maduro, Hugo Chávez, Ende 1998 an die Macht kam. Im folgenden Jahr setzte er eine Verfassungsänderung durch, seitdem können alle Amtsinhaber beliebig oft wiedergewählt werden. Die Anfänge seiner Amtszeit kenne ich nur aus den Erzählungen meiner Eltern. Sie sagen, dass sie vor Chávez ein relativ sicheres und ruhiges Leben hatten. Dass die Wirtschaftskrise Ende der 1990er zwar hart war, sie aber optimistisch in die Zukunft schauten. Aber das Regime hat von Anfang an Repressionen als Machtinstrument eingesetzt.

Ich glaube an Demokratie und an faire Wahlen.

Meine erste konkrete Erinnerung ist der Arbeiterstreik im Jahr 2002. Arbeiter aus der Ölindustrie gingen gegen die Wirtschaftspolitik von Chávez auf die Straße, der damals viele Angestellte der Ölindustrie durch seine Günstlinge ersetzte. Die Regierung ging mit Tränengas und Gummigeschossen gegen die Demonstranten vor, viele wurden fristlos entlassen. Der Vater meiner besten Freundin war einer von ihnen – sie und ihre Familie haben das Land verlassen. Ich war acht und ihr Fortgehen war die erste Zäsur in meinem Leben. 

In den Jahren danach sind immer mehr Freunde gegangen, auch meine Brüder, Cousins und Cousinen. Ich kann es ihnen nicht verübeln. Jeder sucht nach einem besseren Leben. Hier zu leben ist jeden Tag eine Herausforderung. Mein Vater ist arbeitslos, ich selbst verdiene keine 10 Dollar im Monat. Natürlich überlege ich immer wieder zu gehen. Doch ich bin hier zu Hause. Ich will hier leben und hier sterben. Deshalb gehe ich immer wieder auf die Straße und demonstriere – für ein besseres Leben. Ich glaube an Demokratie und an faire Wahlen – und ich fordere sie ein. Protest ist die einzige Möglichkeit, eine Diktatur zu Fall zu bringen. Andere Länder haben es vor uns geschafft. Wir können das auch, ich glaube fest daran.