Radikal und chancenlos – so wird Frankreichs Jugend gern beschrieben. Macron versuchte, sie zu begeistern. Das Wichtigste zu den jungen Wählern

Wie haben die jungen Franzosen abgestimmt?

Der Wahlkampf-Endspurt vor der Stichwahl hat sich für Emmanuel Macron bei den jungen Franzosen gelohnt. Eine Umfrage von Ipsos einen Tag vor der Wahl ergab: Von den 18- bis 24-Jährigen wollten 66 Prozent Emmanuel Macron wählen, 34 Prozent Marine Le Pen. Ihre Wahlabsichten spiegeln relativ genau das Gesamtergebnis wieder.

Ähnlich sah es bei der folgenden Altersgruppe aus. Die Franzosen im Alter zwischen 25 und 34 Jahren gaben zu 60 Prozent an, ihre Stimme für Macron abgeben zu wollen, bei Le Pen waren es 40 Prozent.  

Emmanuel Macron wurde als Held der Jugend gefeiert. Ist er das wirklich?

Nein. In der ersten Runde hatten die meisten jungen Franzosen noch die radikalen Kandidaten gewählt. Im April stimmten sie größtenteils für Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon. Nur 18 Prozent der Franzosen unter 24 wünschten sich bereits in der ersten Runde Emmanuel Macron als Präsidenten. Deutlich erfolgreicher war er bei den Franzosen unter 34, hier stimmten 28 Prozent für ihn. Für sie ist er "ein Typ, mit dem man gerne befreundet wäre", wie einer seiner Anhänger zusammenfasst.

Insgesamt konnte der jüngste Präsident, den es je in Frankreich gab, die Jugend aber wenig begeistern. Denn so gerne sich Macron als Neuankömmling und Außenseiter inszenierte – auch er gehört schon lange zur politischen Elite. Macron besuchte eine renommierte Schule und später eine französische Elite-Universität. Im Kabinett von François Hollande war er Wirtschaftsminister. Das machte es Marine Le Pen leicht, ihrem Gegner Abgehobenheit und Vetternwirtschaft zu unterstellen.

Beeindrucken konnte Macron dafür neben den Franzosen zwischen 25 und 34 vor allem die Senioren: 78 Prozent der über 70-Jährigen stimmten in der Stichwahl für ihn, mehr als in jeder anderen Altersgruppe.  

Für wen haben sich die enttäuschten Mélenchon-Wähler entschieden?

Jean-Luc Mélenchon warnte seine Wähler nach einigem Zögern davor, für Marine Le Pen zu stimmen: "Ich würde nicht den Front National wählen, ich bekämpfe den Front National." Zu einer Wahlempfehlung für Emmanuel Macron konnte er sich allerdings nicht durchringen. Dessen Positionen kritisierte er als zu wirtschaftsliberal.

Seine jungen Anhänger teilen diese Einschätzung. Benjamin, 23 Jahr alt, hat in Berlin für Mélenchon Wahlkampf gemacht. Bei der Stichwahl hat er seinen Stimmzettel leer abgegeben: "Macron repräsentiert die Finanzeliten", kritisiert er. "Er spielt sich auf, als sei er der Held der Jungen, aber wenn er an die Macht kommt, sitzen doch wieder dieselben Politiker wie vor 20 Jahren auf den Posten." 

Wie Benjamin ging über ein Drittel der Mélenchon-Wähler insgesamt gar nicht erst zur Wahl, wie das Forschungsinstitut Harris Interactive ermittelte. Einige ignorierten die Warnung ihres Anführers und stimmten für Marine Le Pen. Die meisten der Mélenchon-Wähler entschieden sich jedoch für das "kleinere Übel" und gaben ihre Stimme für Macron ab. Dessen Positionen standen ihnen trotz liberaler Reformen und EU-Begeisterung näher als die des Front National.

Mehr als 30 Prozent der Franzosen unter 34 sind gar nicht erst zur Wahl gegangen. Wieso?

Die Nichtwählerquote war bei jungen Franzosen – und jungen Wählern europaweit – schon immer hoch. Schuld daran waren in Frankreich unter anderem die Wählerlisten, in die sich Wähler jedes Mal neu eintragen müssen, wenn sie ihren Wohnplatz ändern. Da junge Menschen besonders oft umziehen, machen sie sich oft nicht die Mühe, erläutert die Politikwissenschaftlerin Daniela Kallinich.

Denn wozu überhaupt noch wählen gehen, fragen sich viele von ihnen. Die Politikverdrossenheit ist hoch. "Seit etwa 30 Jahren gibt es keine Erneuerung des politischen Establishments", erklärt der Soziologe Louis Chauvel. "Die Abgeordneten sitzen jahrzehntelang im Parlament. Dadurch werden die gesellschaftlichen Probleme und Spannungen, die vor allem die Jungen täglich erleben, nicht im politischen Personal abgebildet und von den Eliten nicht wahrgenommen." Die Reaktion der jungen Franzosen darauf lautet: Distanz von der Politik – oder Radikalisierung. 

Marine Le Pen begeisterte auch viele junge Menschen. Wie schaffte sie das?

Meistens sind es die alten Menschen, die sich populistischen Bewegungen anschließen: Alte Menschen stimmten für den Brexit, alte Menschen demonstrieren bei Pegida, alte Menschen wählten bevorzugt Donald Trump.

Doch diese bekannten Beispiele belegen noch keinen weltweiten Trend. Im Gegenteil: Populismus findet in Europa immer mehr junge Anhänger. Das gilt auch für Frankreich: Am unbeliebtesten war Marine Le Pen bei den Wählern über 70. Ihre rechten Slogans kommen dagegen bei den jungen Franzosen gut an. Auch wenn der Großteil von ihnen für Emmanuel Macron stimmte – so viele Stimmen gewann der Front National noch nie bei einer Präsidentschaftswahl, weder bei den jungen noch bei den älteren Wählern. 

Das liegt vor allem an zwei Gründen: Erstens ist jeder vierte junge Franzose arbeitslos. Wegen dieser Unsicherheit stimmten viele für den Front National, erklärt die Politikwissenschaftlerin Daniela Kallinich: "Die Wähler des Front National sind oft Menschen, die keine andere Sprache sprechen, für die die Globalisierung eher eine Bedrohung als eine Chance darstellt." Sie können nicht wie ihre Altersgenossen in einem anderen Land arbeiten, wenn sie in Frankreich keine Stelle finden. "Die FN-Wähler sind sich in allen Altersgruppen sehr ähnlich. Sie sind pessimistisch, haben Angst um ihre Zukunft." Marine Le Pen versteht es, diese Ängste zu bedienen. Zwei junge Front-National-Wähler erzählen hier, wie Le Pen sie überzeugt hat. 

Der zweite Grund ist die Wut auf die Eliten, die das Vertrauen der jungen Franzosen verloren haben.