Marine Le Pen kämpft um die Unentschlossenen. Bei den jungen Franzosen hat sie gute Chancen. Eine Frau mit algerischen Wurzeln und ein Fillon-Fan haben sich entschieden.

Noch vor wenigen Jahren galt der Front National als Partei für Holocaust-Leugner, die kein echter Demokrat wählen könne. Dann kam Marine Le Pen. Vor der Stichwahl versucht sie nun, möglichst viele der heimatlosen Wähler für sich zu gewinnen, deren Kandidaten in der ersten Runde verloren haben.

Bei den jungen Franzosen trifft sie dabei auf gute Voraussetzungen – bereits in der ersten Runde stimmten 21 Prozent der Wähler unter 24 für sie. Bei der nächsten Wählergruppe (bis 34 Jahre) waren es sogar 24 Prozent. Von den etablierten Parteien sind die jungen Franzosen enttäuscht, mit Emmanuel Macron fürchten sie eine Fortsetzung dieser Politik. Einige von ihnen werden nun am Sonntag für die Kandidatin des Front National stimmen. Zwei junge Wähler erzählen, wie Marine Le Pen sie überzeugt hat:

Charles, 26: "Diese Dämonisierung ist intellektuelle Faulheit"

Charles studiert Kommunikation in Metz. Im ersten Wahlgang hat er für François Fillon gestimmt.

Ich bin nicht der typische Le Pen Wähler: Ich gehöre zur französischen Elite, reise viel und studiere. In der ersten Wahl habe ich für François Fillon gestimmt. Wenn es nach ihm geht, sollte ich in der nächsten Runde Macron wählen. Das kann ich nicht – aus guten Gründen. Am Sonntag werde ich stattdessen Marine Le Pen meine Stimme geben.

Bisher habe ich immer für die Republikanische Partei gestimmt. Nach Neujahr bin ich sogar der Partei beigetreten, weil ich von Fillon so begeistert war. Er vertritt konservative Werte und eine freie Marktwirtschaft, will die Aufnahme von Wirtschaftsflüchtlingen drosseln und nimmt das Terrorproblem in unserem Land ernst. Natürlich war ich von seinem Korruptionsskandal enttäuscht, er soll seine Frau und Kinder zum Schein beschäftigt haben. Trotzdem habe ich ihn weiter unterstützt. Sein Wahlprogramm war mir wichtiger als sein persönliches Verhalten. Als Fillon in der ersten Runde verlor, war ich maßlos enttäuscht. Vor allem, als er dazu aufrief, dass wir nun Macron wählen sollten. Mir war sofort klar, dass ich das nicht tun werde.

Front National zu wählen, war lange ein Tabu. Wenn man zugibt, dass man Le Pen wählt, wird man sofort als Faschist deklariert. Sie wird von den linken und konservativen Parteien und Medien dämonisiert und zum Bösen verunglimpft. Dabei wollen sich die meisten gar nicht wirklich mit ihrem Wahlprogramm auseinandersetzen, sondern plappern nur nach, was ihnen erzählt wird. Aber Marine Le Pen will keinen totalitären Staat, sie ist keine Faschistin. Ich glaube, diese Dämonisierung ist eigentlich intellektuelle Faulheit.

Dabei hat sie einige ähnliche Wahlversprechen wie Fillon. Zum Beispiel, dass kriminelle Flüchtlinge sofort aus dem Land rausgeworfen werden sollen. Sie will auch, dass Polizisten vermehrt auf den Straßen patrouillieren und mehr Gefängnisse gebaut werden. Das finde ich gut. Macrons Pläne für die Innere Sicherheit sind nicht überzeugend. Nach dem letzten Anschlag in Paris war mir seine Reaktion zu schwach: Während der Fernsehdebatte an dem Abend hatte er hatte keine starke Strategie, wie der Terror im Land bekämpft werden muss. Fillon und Le Pen warben gleich für mehr Polizeipräsenz und Gefängnisse. Da war mir klar, dass ich bei Fillons Niederlage nicht Macron, sondern Le Pen wählen werde.

"Wenn ich abends ausgehe oder mit der Métro fahre, habe ich oft Angst, dass genau in dem Moment ein Anschlag passieren könnte."
Charles

Über 200 Menschen sind bei islamistischen Anschlägen in Frankreich getötet worden. Klar, das ist nichts im Vergleich zu den vielen Opfern, die täglich im Straßenverkehr sterben. Aber jeder Anschlag traumatisiert uns Bürger immer mehr. Aus meinem alten Dorf ist ein Pärchen bei dem Terrorangriff im Bataclan umgekommen. Wenn ich abends ausgehe oder mit der Métro fahre, habe ich oft Angst, dass genau in dem Moment ein Anschlag passieren könnte.

Ich finde nicht alles gut, was Le Pen fordert. Ich will keinen Frexit oder den Ausstieg aus dem Euro. Davon hat sich Le Pen zum Glück in den letzten Tagen distanziert. Ich denke auch nicht, dass sie das wirklich umsetzen wird. Sie will aber Verhandlungen mit der EU einleiten und mehr Souveränität für Frankreich fordern. Das ist wichtig, sowohl wirtschaftlich, als auch für unsere Innere Sicherheit. Wir müssen kontrollieren, wer in unser Land kommt.

Macron ist mir zu proeuropäisch. Unter ihm wird Europa bestimmt noch mehr zusammenwachsen und eine Einheit bilden. Dabei gehen die nationalen Kulturen kaputt, das ist gefährlich. Frankreich darf nicht seine nationale Identität und Werte verlieren. Unsere Kultur und Geschichte schweißen uns zusammen. Er sieht auch nicht ein, dass die Globalisierung vielen Franzosen schadet. Dabei sind viele Arbeitslose und arme Franzosen auf dem Land die Verlierer im Globalisierungsprozess.

Wir müssen mehr auf sie Rücksicht nehmen. Dafür steht Le Pen. Viele von ihren Wählern sind wütend, weil Steuergelder in die Banlieues voller Migranten gesteckt werden, sie aber kaum vom Staat unterstützt werden. Ich verstehe das. Auch wenn ich eine freie Marktwirtschaft bevorzuge, brauchen arme, arbeitslose und alte Franzosen gewisse staatliche Hilfe. Anders schafft es unser Land nicht aus der wirtschaftlichen Krise, davon bin ich überzeugt. Wir können uns nicht nur um die Integration von Immigranten kümmern. Bei der Wahl muss man sich entscheiden, was das Beste für das eigene Land ist, nicht für einen selbst. Macron mag vielleicht mehr meine liberalen Werte vertreten als Le Pen. Aber in vielen anderen Angelegenheiten würde Macron unserem Land nur schaden.

Fast alle meine Freunde und Verwandten haben bei der ersten Wahl Fillon gewählt. In der nächsten Runde wird sich über die Hälfte von ihnen enthalten und einen leeren Wahlzettel abgeben. Die meisten anderen werden Le Pen wählen. Nur Wenige haben sich für Macron entschieden.