Labour-Kandidat Jeremy Corbyn galt lange als chancenlos. Nun holt er auf – auch dank der jungen Briten, 70 Prozent von ihnen wollen ihn wählen. Was begeistert sie an ihm?

Bis vor Kurzem galt es als sicher, dass die britische Premierministerin Theresa May die Parlamentswahl am 8. Juni gewinnen würde – doch in den vergangenen Wochen holte die linke Labour-Partei auf: In aktuellen Umfragen trennen die beiden Parteien nur noch wenige Prozent. Gerade bei den jungen Wählern ist Labour beliebt: Knapp 70 Prozent der 18- bis 24-Jährigen planen, links zu wählen, über 50 Prozent der britischen Studenten wollen Labour wählen, nur 18 Prozent unterstützen die konservativen Tories. Ein Grund dafür ist der Vorsitzende der Labour-Partei, Jeremy Corbyn. Er mobilisiert auch junge Nichtwähler. Was erwarten sie von ihm?

Elsie Ford, 24, studiert Musik, ihre Eltern kommen aus Jamaika

Ich habe noch nie in meinem Leben gewählt, Politik interessiert mich nicht, wenn ich ehrlich bin. Beim EU-Referendum dachte ich noch: Macht doch was ihr wollt. Aber zur Parlamentswahl werde ich das erste Mal wählen gehen. Wegen Jeremy Corbyn.

Eigentlich ist mein Leben die Musik. Meine Helden heißen JME, Novelist und Akala – die machen Grime, ein Stil, der Hip-Hop und Elektro kombiniert – und wissen, was es bedeutet, in einer schwarzen Nachbarschaft zur Schule zu gehen. Ganz im Gegensatz zu den Politikern. Die haben keine Ahnung wie das ist, wenn alle einem sagen, man soll etwas Anständiges machen, aber es einfach nichts Anständiges zu tun gibt. Das ist unser Gefühl hier, im Süden Londons.

Hier ist es auch nichts Ungewöhnliches, dass es Messerattacken gibt. Jetzt reden nur alle darüber, weil diese Verrückten angeblich im Namen des IS getötet haben. Ich steige täglich bei London Bridge um. Mir machen die Terroristen keine Angst. Aber was mich ärgert ist, dass jetzt wieder das Muslim-Bashing losgehen wird. Ich habe viele muslimische Freunde. Wenn die Politiker von "muslim bans" reden, macht uns das natürlich wütend.

"Für ihn zu sein, bedeutet auch, gegen die anderen zu sein"

Jeremy ist anders. Er hat nach den Anschlägen gesagt, dass wir zusammenhalten müssen. Und aufhören, Waffen an Saudi-Arabien zu verkaufen. Ich mag ihn, weil ich glaube, das ist keiner, der morgens aufsteht und denkt: Was bin ich für ein geiler Typ – und wie geil wäre es eigentlich, Premierminister zu werden? Er wirkt einfach nicht wie einer von den üblichen Politikern. Ich glaube, ihm geht es darum, wirklich etwas zu verändern. Der hat sich auch schon früher, als es in Südafrika noch die Apartheid gab, von der Polizei verhaften lassen. Meine Freunde und ich würden sagen: Der hat Eier.

Ich bin über die Musik zu Jeremy gekommen. Musiker, die ich wirklich gut finde, haben unter dem Hashtag #grimeforcorybn auf Twitter für Corbyn Werbung gemacht. Dann habe ich mir den Typen zum ersten Mal richtig angeguckt. Er ist zwar weiß und alt, aber ich kann mich trotzdem mit ihm identifizieren. Ich glaube, er kommt auch eher von unten. Er interessiert sich für uns. Neulich hat er sich mit JME getroffen, das habe ich mir auf YouTube angesehen. Corbyn steht für Sozialen Wohnungsbau und er will die Studiengebühren senken. Er will Musiker und Künstler fördern. Das sind Dinge, die mich betreffen.

Das Coole an Corbyn ist auch: Für ihn zu sein, bedeutet auch, gegen die anderen zu sein. Ein Künstler hat zum Beispiel in ganz London Plakate geklebt, auf denen "strong and stable my arse" steht – eine Anspielung auf Theresa Mays Slogan "strong and stable leadership". Das gefällt mir. Selbst ein Ikea-Regal ist stabiler als alles, was in ihrem Wahlprogramm steht. Sie ist lächerlich.

Philip Likos-Corbett, 28, selbstständiger Autor

Ich bin Ende Zwanzig, weiß, wohne in London und habe einen Job. Ich habe keine Probleme. Für mich wird sich durch die Parlamentswahl ohnehin nichts ändern. Aber ich will, dass meine Schwester, die gerade ihr Medizinstudium beendet hat, sich nicht an die Pharmaindustrie verkaufen muss, weil sie sonst ihre Schulden nicht zurückbezahlen kann. Deshalb wähle ich Corbyn.

Auch wenn der Vergleich etwas hinkt: Corbyn ist aus ähnlichen Gründen beliebt, aus denen auch Trump beliebt ist. Er ist ein Antipolitikertyp. Die Leute haben einfach keine Lust mehr auf Politikertypen. Man kann ihnen nichts glauben. Sie sagen Dinge oder erfinden Zahlen, um an die Macht zu kommen. Er hat Moral, anders als all die Politiker, die wir hier in der Vergangenheit hatten.

Er setzt sich für Studenten ein, für alleinerziehende Mütter und Leute, die sich keine Eigentumswohnung in Central London leisten können. Corbyn ist schon vor Ewigkeiten für Abrüstung und gegen Apartheid auf die Straße gegangen. Seine Glaubwürdigkeit hat er sich auf der Straße erarbeitet, nicht im Parlament. Corbyn ist anders, deshalb glaube ich ihm, was er sagt.