Vor einem Jahr gab es die Partei von Präsident Macron noch nicht, viele ihrer Kandidaten sind unbekannt. Trotzdem wird sie die Parlamentswahlen wohl gewinnen. Warum?

Am Sonntag wählen die Franzosen ein neues Parlament – und laut Umfragen wird La République en Marche (LREM), die Partei des Präsidenten Emmanuel Macrons, die stärkste Kraft werden und sogar die absolute Mehrheit im Parlament erreichen. Wie kann es sein, dass eine Bewegung, die vor gerade mal einem Jahr gegründet wurde und erst seit einem Monat eine richtige Partei ist, möglicherweise eine Parlamentswahl gewinnt?

Wir haben drei Jungwähler gefragt, warum sie am Sonntag LREM wählen wollen. Es zeigt sich: Die Kandidaten der Partei sind unbekannt – und werden genau deshalb gewählt. Ihr Erfolg und der der Partei ist vor allem von Macrons Versprechen eines radikalen Politikwechsels abhängig.

Marie, 22, studiert Physik

Ich bin 22 Jahre alt und wenn ich mit meinen Eltern über Politik spreche, behaupten beide, ich hätte keine Ahnung, wovon ich rede. Sie sagen, dass man erst etwas von Politik versteht, wenn man arbeitet und Kinder hat, also ein bisschen Lebenserfahrung gesammelt hat. Auch meine anderen Verwandten sagen oft: Werde du erst mal so alt wie ich, dann siehst du die Welt auch mit anderen Augen. 

Die meisten Politiker denken wie meine Eltern: Die jungen Leute dürfen nicht mitreden. Deshalb war ich lange politisch desinteressiert; ich hatte den Eindruck, dass mir niemand zuhören würde. Emmanuel Macron ist der Erste, der mir glaubhaft versichert hat, dass er anders ist. Dass er jemand ist, der wirklich zuhört. Von ihm fühlte ich mich ernst genommen. Deshalb habe ich in beiden Runden der Präsidentschaftswahl für ihn gestimmt. Er spricht Themen wie die Jugendarbeitslosigkeit an, aber ohne wie ältere Politiker zu behaupten, wir Jungen seien alle nur faul und müssten uns einfach mehr anstrengen.

Damit er seine Reformen auch umsetzen kann, braucht er aber Abgeordnete, die ihn unterstützen. Deshalb stimme ich bei den Parlamentswahlen für La République en Marche. Alleine schafft er das nicht, er braucht Leute, denen er vertraut. Und dafür braucht er uns Wähler. Kurz gesagt: Ich fühle mich zum ersten Mal gebraucht. Zum ersten Mal glaube ich daran, wirklich etwas verändern zu können – weil En Marche! keine Partei mit starren Strukturen ist, sondern eine Bewegung.

"Ich fürchte, viele Politiker haben keine Ahnung von dem, was sie tun."

Mir gefällt auch, dass mehr als die Hälfte der Kandidaten nicht aus der Politik stammt, also noch nie ein Amt inne hatte. Das klingt jetzt vielleicht populistisch, aber ich fürchte, viele Politiker haben keine Ahnung von dem, was sie tun. Sie sitzen seit Jahrzehnten im Parlament, sie haben keine praktische Erfahrung und keine Ausbildung für die Themen, über die sie jeden Tag entscheiden.

Das ist mir bei einer Begegnung mit einem Politiker klar geworden, der mal unsere Klasse besucht hat, als ich 16 war. Einer meiner Mitschüler war schon damals politisch sehr engagiert. Er war einer von denen, die auf jeder Demo zu finden sind und auswendig Marx zitieren können. Er stellte dem Politiker die meisten Fragen, sehr detailliert zu verschiedenen wirtschaftlichen Themen. Der Politiker konnte kaum eine dieser Fragen beantworten. Er sagte lachend: "Wisst ihr, mit Wirtschaft kenne ich mich gar nicht so gut aus."

Mir ist das sehr gut im Gedächtnis geblieben. Ich vermute, dass er sich damit sympathisch machen wollte: Haha, Mathe und Wirtschaft finden wir doch alle doof und langweilig, nicht wahr? Aber wie soll ich einem Politiker vertrauen, der auch noch stolz darauf ist, von so wichtigen Themen wie der Wirtschaft keine Ahnung zu haben? Diese zur Schau getragene Inkompetenz hat mich wirklich schockiert.

Ein bisschen mehr Bewegung würde Frankreichs Politik gut tun. Es muss ja nicht gleich ein Trump sein, der sein Land wie eine Firma führt. Aber die Mischung aus Politikern und Nicht-Politikern bei LREM gefällt mir. Da gibt es Spezialisten für die Politik und Spezialisten für alles andere, und wenn die zusammenarbeiten, kommt doch das Beste aus beiden Welten zusammen. Vielleicht ist das wirklich ein populistischer Gedanke. Aber in dem Fall sage ich: Wir brauchen mehr Populismus.