Bin ich ein schlechter Mensch, wenn ich meine Freunde beneide? Nein, sagt die Sozialpsychologin Katja Corcoran. Ohne Neid geht es nicht. Wir brauchen ihn sogar.

ZEIT Campus ONLINE: Frau Corcoran, meine beste Freundin hat dasselbe studiert wie ich, hat eine unbefristete Stelle, die sie glücklich macht und kann ihre Wohnung selbst bezahlen. Ich dagegen studiere noch und mache Praktika. Ich beneide sie. Bin ich ein schlechter Mensch?

Katja Corcoran: Nein, gar nicht. Neid ist eine ganz normale soziale Emotion mit einem negativen Image. Man fühlt sich schlecht, weil sonst keiner zugibt, auch mal neidisch zu sein. Was landläufig unter Neid verstanden wird, ist der bösartige Neid, bei dem man destruktive und auch aggressive Tendenzen gegenüber der anderen Person empfindet. Das ist aber nur eine Form des Neids.

 ZEIT Campus ONLINE: Moment, gibt es auch guten Neid?

Corcoran: Ja. Es gibt gutartigen und bösartigen Neid. Beides fühlt sich für einen selbst unangenehm an, es tut ja immer ein bisschen weh, wenn jemand anders etwas hat oder erreicht, was man selbst gern hätte. Der gutartige Neid hat aber einen motivierenden Aspekt und spornt mich an, zu sagen: Das, was die andere Person erreicht hat, will ich auch erreichen. Und ich denke, wenn man diese Art von Neid empfindet, muss man sich gar nicht schlecht fühlen.

 ZEIT Campus ONLINE: Und wovon hängt ab, welche Art von Neid man empfindet?

Katja Corcoran, 45, ist Professorin für Sozialpsychologie an der Karl-Franzens-Universität Graz. Seit über 15 Jahren erforscht sie soziales Vergleichen. © privat

Corcoran: Es kommt darauf an, ob man das Gefühl hat, dass die beneidete Person ihren Erfolg verdient und hart dafür gearbeitet hat. Auch wie kontrollierbar die Situation mir erscheint, ist wichtig: Ob ich denke, ich kann da auch hinkommen, wenn ich etwas dafür tue. Außerdem macht es einen Unterschied, wie Ihre Freundin den Erfolg darstellt: Wenn sie Ihnen erzählt "Ich hab einen neuen Job und alles läuft super", schwingt natürlich ein gewisser Stolz mit. Betont sie, dass sie sich den Posten erarbeitet hat, löst das eher gutartigen Neid aus. Wenn sie das aber als selbstverständlich darstellt oder als etwas, das ihr zusteht, kann das zu bösartigem Neid führen.

 ZEIT Campus ONLINE: Fühlt es sich denn gut an, beneidet zu werden?

Corcoran: Nicht unbedingt. Menschen, die Erfolge erzielt haben, empfinden das nicht immer als angenehm, sondern tun sich schwer damit. Denn sie haben das Gefühl: Oh, ich könnte jetzt Neid bei anderen Personen auslösen. Es ist also nicht immer nur der Neider, der die Situation negativ erlebt.

 ZEIT Campus ONLINE: Kann Neid einer Freundschaft schaden?

Corcoran: Ja, weil es eine unangenehme Emotion ist. Hier muss man Neid von Bewunderung abgrenzen, die viel leichter für eine Freundschaft ist. Es fühlt sich gut an, sich für eine Freundin zu freuen, die etwas erreicht hat. Aber Bewunderung tritt eher ein, wenn der andere etwas in Bereichen geschafft hat, die für mich persönlich nicht so relevant sind. Wenn beide das Gleiche gemacht haben, ähnliche Ziele anstreben und einer weiter ist als der andere — dann ist es schwierig mit der Bewunderung und kommt eher zu Neid. Freunde zu beneiden, kann aber auch helfen.

ZEIT Campus ONLINE: Wie das denn?

Corcoran: Wenn man es schafft, dass der gutartige Neid ausgelöst wird und die erfolgreiche Person als positives Rollenmodell gesehen wird. Also als Verkörperung eines zukünftigen Selbst, das ich auch erreichen kann. Freunde sind sich ja oft recht ähnlich und so kann ich sagen: Meine Freundin ist da hingekommen, also kann ich es auch. Dieses Gefühl kann mich stärken, mir Mut machen und mich motivieren. Das kann die Freundin auch unterstützen, indem sie motiviert und Tipps gibt, wie sie es geschafft hat. Ich kann also auch von ihren Erfahrungen profitieren und versuchen, es ihr gleichzutun.