Deutschland hat zu viele Flüchtlinge aufgenommen, findet ein Professor der Uni Köln. Nein, sagt ein Student. Sie treffen sich zum Streiten. Hat der Abend sie verändert?

Hat Deutschland zu viele Flüchtlinge aufgenommen? Diese und vier weitere Ja-Nein-Fragen (etwa: "Geht der Westen fair mit Russland um?") haben wir den Lesern von ZEIT ONLINE vier Wochen lang gestellt – und sie anschließend eingeladen, sich mit jemandem in ihrer Region zu treffen, der ganz anders geantwortet hat als sie selbst. (Wie wir die Aktion "Deutschland spricht" organisiert haben, lesen Sie hier.) Rund 600 Paare trafen sich am vergangenen Sonntag überall in Deutschland.

Auch ein Student der Uni Köln, Tobias Pastoors, klickte bei der Frage danach, ob Deutschland zu viel Flüchtlinge aufgenommen hat, auf "Nein". Ein Professor an seiner Uni, Detlef Fetchenhauer, auf "Ja". Und das war nicht die einzige Frage, in der die beiden uneins waren. Der Algorithmus führte Sie am Ende zusammen. So kam es, dass eine der ganz großen Debatten, die Deutschland gerade führt, auch auf dem Balkon einer Mietwohnung im Südosten Kölns ausgetragen wurde. Was passiert, wenn man auf jemanden trifft, der eine ganz andere Meinung hat, als man selbst? Und was, wenn dieser Andere zugleich Professor oder Student der gleichen Universität ist?

18:30 Uhr: Das Treffen

Tobias Pastoors, der Student: Den Vormittag habe ich vor dem Laptop verbracht und recherchiert. Ich wollte nicht unvorbereitet sein. Denn mein Gesprächspartner ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Kölner Universität, wo ich Volkswirtschaftslehre studiere. An der Uni haben wir uns noch nie getroffen – persönlicher Kontakt zwischen Student und Professor ist an einer Massenuniversität wie Köln nicht üblich. Auch über Politik habe ich noch nie mit einem meiner Professoren diskutiert. Genau dafür hat mich aber Professor Fetchenhauer heute auf seinen Balkon eingeladen.

Da sitzen wir nun, die Atmosphäre ist noch etwas verkrampft. Wir beginnen mit Smalltalk: "Möchten Sie etwas trinken?" und reden über den Kölner Wohnungsmarkt: Die Mieten sind zu hoch, da sind wir uns schnell einig. Aber um uns einig zu sein, haben wir uns nicht getroffen. Ich bin gespannt, ob ich gleich mit einem AfD-Sympathisanten diskutiere. Denn Fetchenhauer findet, dass Deutschland zu viele Flüchtlinge aufgenommen hat, dass der Westen nicht fair mit Russland umgeht und der Ausstieg aus der Atomenergie ein Fehler war. Ich hingegen stehe hinter der Entscheidung von Angela Merkel, die Grenzen zu öffnen, bin gegen die Nutzung von Kernenergie und finde nicht, dass Russland unfair behandelt wird.

Detlef Fetchenhauer, der Professor: Zugelost wurde mir ein Gesprächspartner, der an der gleichen Fakultät studiert, an der ich meinen Lehrstuhl habe. Dort habe ich in den letzten Jahren eine zunehmende Entfremdung zwischen mir und einem Teil der Studierenden erlebt. Von linken Studierenden wurde mir in einem offenen Brief vorgeworfen, ich sei sexistisch, rassistisch, neokolonial, homophob und heteronormativ. Wird es mir mit Herrn Pastoors, meinem Gesprächspartner, ähnlich ergehen? Als er vor dem Gespräch schreibt, ZEIT ONLINE würde uns "eine*n Fotograf*in*en" schicken, schien mein erstes Vorurteil bestätigt. Als in einer weiteren Mail Herr Pastoors meinen Vorschlag, ich könne für unser Gespräch Rotwein und Käse besorgen, mit dem Hinweis beantwortet, bitte keinen Käse, er lebe vegan, war mein Stereotyp perfekt: Ich erwartete einen politisch korrekten Gutmenschen, der natürlich für den Ausstieg aus der Atomenergie ist, nach dessen Meinung Putin vom Westen fair behandelt wird und der selbstverständlich nicht der Meinung ist, Deutschland habe zu viele Flüchtlinge aufgenommen. "Mit welchem Thema wollen wir beginnen?", frage ich.

Tobias Pastoors studiert an der Kölner Journalistenschule und an der Uni Köln. Er sagt: "Im September 2015 hätte Deutschland gar nicht anders gekonnt, als die vielen syrischen Geflüchteten aufzunehmen." © Marcus Simaitis für ZEIT ONLINE

19:15 Uhr: Geht der Westen fair mit Russland um?

Tobias: Wir beginnen mit der Russlandfrage, in der Hoffnung, dort vergleichsweise schnell einen gemeinsamen Nenner zu finden. Ich finde: Ja, der Umgang mit Russland ist gerechtfertigt. Fetchenhauer antwortete mit Nein.

Fetchenhauer: Ich schlage vor, dass jeder von uns erstmal kurz seinen Standpunkt ausführt. "Fangen Sie doch gerne an", sage ich zu Herrn Pastoors.

Tobias: Mist, denke ich. Ich hatte gehofft, bei dem Thema vor allem auf seine Argumente zu reagieren. "Die Frage ist doch", sage ich, "was man in internationalen Beziehungen zwischen Staaten fair nennen soll. Militärische Abschreckung, wirtschaftlicher Konkurrenzkampf und auch Krieg gehören ja leider auch im 21. Jahrhundert zur Normalität in der internationalen Politik." Fetchenhauer nickt. Ich sage, dass ich verstehen kann, dass sich Russlands Nachbarstaaten bedroht fühlen, dass sie zurecht auf Präsenz der NATO pochen. Schließlich hat Russland in den vergangenen Jahren klar gemacht, dass es seine Interessen in Europa notfalls mit dem Militär durchsetzt. "Würden Sie die NATO-Truppen aus dem Baltikum abziehen?", frage ich. Er verneint.