Als ich eine Transfrau für ihre Putinverteidigung kritisiere, beschimpft sie mich als Nazi. Und eine Grüne wünscht sich einen, "der mal macht". Links und rechts sind tot.

Es ist ein Dienstagabend in der Hauptstadt, ich, seit zehn Jahren CDU-Mitglied, treffe einen linken Freund in einer unkeuschen, wüsten Szenebar für Schwule und Lesben im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Er ist heterosexuell, bevorzugt aber Spots für Homosexuelle: Zwar seien eventuelle Diskriminierungserfahrungen Homosexueller noch lange kein Garant für eine tolerante Grundeinstellung, seiner Erfahrung nach ginge es beim queeren Ausgehen aber schlicht entspannter, liberaler, wärmer zu, sagt er. Kein Bild von Männlichkeit werde hier auf die Probe gestellt; er könne sein, wie er ist, und alle würden ihn genau so achten.

Wir kennen uns, seit ich mich einmal mal im Fernsehen von Jürgen Todenhöfer wegen dessen Israelkritik distanziert hatte, als ein CDU-Mitglied vom anderen CDU-Mitglied gewissermaßen. Der Freund hatte das gesehen und schrieb kurz danach, ob wir mal ein Bier trinken gehen wollen, er komme auch aus Berlin. Wir gingen, und wurden Freunde.

Der Freund war damals Teil der politisch radikalen, gewaltfreien Linken gewesen, hatte aber mit den dortigen antiisraelischen, antiamerikanischen Tendenzen gehadert. "Darum habe ich schon vor Jahren mit der Szene gebrochen", erzählt er. Heute würde er ja CDU wählen, vor allem wegen des wachen Auges gegenüber antisemitischen Tendenzen unter muslimischen Migrantengruppen. Nur sei die Entnazifizierung der CDU niemals vollends abgeschlossen worden, sagt der Freund, in der Hinsicht bleibe er ein Linker. Ich stimme ihm nicht bei allem zu, aber achte ihn. Wer wird schon als Linker oder Rechter geboren?

Es ist ein Dienstagabend in der Hauptstadt, der Freund und ich lehnen am Gemäuer der Bar. Lesbische Freundinnen gesellen sich hinzu. Sie publizieren antikapitalistische Texte, sind in der linken Blogszene vernetzt. Wir diskutieren selten über politische Grundsätze; ich respektiere ihre Überzeugungen, was aber nicht bedeutet, dass ich sie nicht für irrig halte.

Über uns hängt ein Foto von Deniz Yücel, dem Türkei-Korrespondenten der Welt, der seit Februar 2017 in türkischer Untersuchungshaft sitzt. Ihm werden "Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwiegelung der Bevölkerung" vorgeworfen.

Antikapitalistinnen für den Mann von Axel Springer. Prost.

Als die Frauen meinen Blick über ihre Köpfe hinweg registrieren und das Foto entdecken, stoßen wir auf Gedankenfreiheit an, auf Redefreiheit, darauf, dass Yücel hoffentlich bald freikommt. "Was soll das für Propaganda für eine terroristische Vereinigung sein?", entrüstet sich die eine, "Yücel begleitet Erdoğans Machtergreifung genau so angemessen, wie es sein Job ist!" – "Fahrt ihr beim nächsten Solidaritätsautokorso für Yücel mit?", fragt die andere. Klar! Antikapitalistinnen für den Mann von Axel Springer. Prost.