Er studierte in Regelstudienzeit Produktdesign, weil das Bafög-Amt ihn zwang. Nach dem Abschluss fand er keinen Job, weil er keine Berufserfahrung hatte.

Name: anonym

Aktuelles Gehalt: rund 960 Euro Hartz IV

Ich habe eine Ausbildung zum Grafikdesigner gemacht und dann in Regelstudienzeit Produktdesign studiert. Trotzdem finde ich keinen Job. Ich habe rund 30.000 Euro Schulden wegen dem Bafög und einem Bildungskredit. Oft frage ich mich, was mir mein Studium eigentlich gebracht hat.

Mein Studium stand für mich immer an erster Stelle, nebenher gearbeitet habe ich nie; ich wollte mich ganz auf meine Seminarprojekte und Möbelentwürfe konzentrieren und im Ausland studieren. Außerdem war ich auf Bafög angewiesen, sodass ich keine Urlaubssemester für Praktika oder Jobs einlegen konnte, sondern in der Regelstudienzeit fertig werden musste. Meine Mutter ist alleinerziehend und hätte mich während unbezahlter Praktika nicht finanziell unterstützen können. Als ich für meinen Master in eine andere Stadt gezogen bin, wo die Mieten deutlich teurer waren, habe ich einen Bildungskredit aufgenommen. Man gab mir zwei Jahre Zeit für den Abschluss.

Kurz vor meinem Master-Abschluss war ich sicher, dass ich irgendwie einen Job finden würde. Mit meiner Ausbildung und meinem abgeschlossenen Studium würde ich ein gefragter Absolvent sein, dachte ich. Meine Familie und Freunde sahen das auch so. Was beim Jobeinstieg zählt, ist ein fertiger Abschluss und der akademische Titel, sagten sie mir immer. Im Nachhinein war das naiv.

Am Ende des dritten Semesters im Master habe ich angefangen, nach Jobs zu suchen. Als ich die Stellenanzeigen las, war ich optimistisch. Ich erfüllte alle Anforderungen: Ich beherrschte verschiedene Designprogramme, konnte 3-D-Objekte und -Flächen erstellen, Räume einrichten, Autos gestalten, hatte Werkstatt-Erfahrung und konnte mit 3-D-Druckern umgehen.

Mein Studium war keine Eintrittskarte für einen Job.

Ich schickte rund 30 Bewerbungen und Mappen raus, voller Entwürfe für Möbel und industrielle Produkte, die während des Studiums entstanden waren. Dass keins davon bisher auf dem freien Markt gelandet war, störte mich nicht. Meine potenziellen Arbeitgeber schon: Ich bekam eine Absage nach der anderen. Einmal fragte ich nach, woran es gelegen hatte. Antwort: "Wie Sie unserer Stellenausschreibung entnommen haben dürften, suchen wir nach Kandidaten mit drei bis vier Jahren Berufserfahrung. Die haben Sie nicht." Das saß. Mein Studium war also keine Eintrittskarte für einen Job. Ich brauchte Berufserfahrung. Nur, wie sollte ich die sammeln – ohne Job?

Ich fühlte mich hintergangen: Der Staat pochte während meines Studiums auf die Regelstudienzeit, die Arbeitgeber wollten mehrjährige Berufserfahrungen sehen. Wie soll das für Menschen wie mich funktionieren, die keine Familie haben, die sie finanziell unterstützt? Vor allem in der kreativen Branche sind unbezahlte Praktika üblich. Ein paar meiner Kommilitonen haben Praktika gemacht, wurden dort aber nicht ernst genommen – sie waren ja noch Studenten. Man gab ihnen nur kleine Aufgaben. Und die sollten nun mehr Erfahrung haben als ich? Fraglich.

Kurz nachdem ich meine Masterarbeit verteidigt hatte, fand ich über meine Hochschule eine Praktikumsstelle bei einer Einrichtungsfirma. Die stellte mich für ein halbes Jahr als Praktikant ein, die Arbeit sollte ich in Rechnung stellen. Im ersten Monat bekam ich 300 Euro, ab dem vierten Monat waren es 600 Euro – und das bei einer 40-Stunden-Woche. Mir war das aber egal, immerhin hatte ich endlich eine Stelle.

Die Arbeit gefiel mir, ich gestaltete Möbel und Raumkonzepte für Privatkunden und Restaurants. Manchmal entwarf und baute ich Möbel für mehrere Tausend Euro. Die Auftraggeber empfingen mich oft in ihren schicken, teuren Wohnungen. Es war Kontrastprogramm zu meinem eigenen Leben und es war schon hart.

Mit dem Arbeitsamt handelte ich in dieser Zeit einen Kompromiss aus: Ich machte ihnen klar, dass ich ohne Berufserfahrungen nie einen Job als Designer finden würde und von dem Praktikum allein nicht leben konnte. Also zahlten sie mir 399 Euro Hartz IV dazu, plus anteilig die Sozialleistungen wie Miete und Krankenversicherung. Ich blieb erst mal im Studentenwohnheim wohnen.

Das Praktikum zahlte sich aus. Nach sechs Monaten bot mir die Firma eine Festanstellung an. Mein Einstiegsgehalt lag monatlich bei 1.800 Euro brutto, nach der Probezeit bei 2.000 Euro. Ich versuchte, das Gehalt auf 2.400 Euro hoch zu handeln, schließlich hatte ich dort schon ein halbes Jahr gearbeitet. Aber mein Chef sagte, die Auftragslage sei unklar, er könnte nicht mehr zahlen. Ich nahm die Stelle trotzdem an, heilfroh, einen festen Job zu haben. 

Ich will mich nicht mehr unter meinem Wert verkaufen.

Endlich konnte ich mir eine Einzimmerwohnung leisten. Fast ein Jahr ging alles gut. Aber vor Kurzem wurde ich gekündigt: Einige Aufträge brachen weg, der Firma fehlte Geld. Weil ich der Letzte war, der eingestellt worden war, musste ich als erster wieder gehen. Das war nicht nur für mich bitter, auch der Firma fiel es sehr schwer, wir hatten ein super Arbeitsverhältnis.

Jetzt suche ich wieder einem Job und lebe zwischenzeitlich von Hartz IV. Mittlerweile habe ich ein wenig mehr Berufserfahrung und will mich nicht mehr unter meinem Wert verkaufen. Deshalb fordere ich in den Bewerbungsgesprächen ein Jahresgehalt von 30.000 Euro. Bisher kamen nur Absagen. Neulich hat mir eine Firma versteckt zu verstehen gegeben, dass ich zu viel Geld verlange und meine Ansprüche herunterschrauben muss. 

Das werde ich wohl tun, obwohl ich 30.000 Euro nicht viel finde für jemanden, der so gut ausgebildet ist wie ich. Ich brauche nicht viel Geld zum Leben, will kein Auto und keine schicke Wohnung. Aber ich möchte reisen und unbesorgt Zeit mit Freunden verbringen, ohne ständig Geldsorgen zu haben. Vielleicht hätte ich es einfach bei meiner Ausbildung belassen sollen: Ein paar Freunde von mir, die nie studiert haben und schon seit zehn Jahren arbeiten, verdienen netto mehr als ich je brutto bekommen habe.