Ahmad macht Wahlkampf für die SPD, Eric will mal im Bundestag arbeiten. Doch wählen dürfen sie nicht – weil sie keine Deutschen sind. Ist das noch zeitgemäß?

"Hier, guck mal, das bin ich mit Steinmeier", Ahmad deutet auf das Display seines Handys. Es folgen: Ahmad mit Vizekanzler Sigmar Gabriel, Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, Umweltministerin Barbara Hendricks, dem Berliner Bürgermeister Michael Müller, natürlich auch mit Martin Schulz. Während Ahmad durch sein Handy wischt, kommt eine E-Mail von der ehemaligen SPD-Generalsekretärin Katarina Barley rein. Ob Ahmad Lust habe, zu einer Nachbesprechung der NRW-Wahl zu kommen?

Einen Nichtwähler stellt man sich anders vor.

Ahmad Wali Temory, 22 Jahre alt, ist vor gerade mal anderthalb Jahren aus Afghanistan nach Deutschland gekommen und schon jetzt politisch aktiver als viele Deutsche. Seine Liebe zur SPD begann im Oktober 2016 mit einer Facebook-Nachricht an Brigitte Zypries. Er hatte das Foto der Wirtschaftsministerin beim Scrollen durch seinen Newsfeed entdeckt – Zypries bei einem Event von Kiron, einem Bildungs-Start-up für Flüchtlinge – und fand sie gleich sympathisch. "Ich wusste nicht, wer sie ist, aber ich wusste, sie muss eine wichtige Politikerin sein", sagt Ahmad.

Er schrieb ihr eine Nachricht auf Facebook: "Liebe Frau Brigitte, ich komme aus Afghanistan und möchte ein Praktikum bei Ihnen machen." Um Mitternacht drückte er auf "Senden". Am nächsten Morgen hatte er eine Antwort von Frau Brigitte: Er solle zum Paul-Löbe-Haus kommen. Wenige Tage später saß er zum Bewerbungsgespräch bei Zypries im Büro. Noch mal eine Woche später war er ihr Praktikant. Er blieb insgesamt ein halbes Jahr.

Ahmad beantwortete E-Mails und begleitete die Ministerin zu Sitzungen. Einmal hatte er Gelegenheit, Thomas de Maizière zu fragen, ob er wirklich glaube, dass Afghanistan ein sicheres Herkunftsland ist. Es gebe einige sichere Städte wie Kabul und Masar-i-Sharif, antwortete der Minister. Zufrieden war Ahmad mit der Antwort nicht, aber es blieb keine Zeit für eine Diskussion.

Wenn es ums Wählen geht, ist Ahmad nicht mehr Sozialdemokrat, sondern Ausländer.

Bevor Ahmad nach Deutschland kam, hatte er in Kandahar Politik studiert und für das amerikanische Militär übersetzt; in Deutschland wurde er Sozialdemokrat: Im Januar füllte er den Mitgliedsantrag für die SPD aus, Ende Juni wird er mit Brigitte Zypries fünf Tage in ihren Wahlbezirk Darmstadt fahren, um an Türen zu klopfen und Flyer zu verteilen. Aber wenn im September darüber abgestimmt wird, ob Martin Schulz Kanzler wird, zählt das alles nicht. Dann ist Ahmad nicht mehr Sozialdemokrat, sondern Ausländer. Und Ausländer dürfen nicht wählen.

Mindestens 9,1 Millionen Menschen in Deutschland geht es wie Ahmad. So viele Ausländer lebten laut Statistischem Bundesamt 2014 in Deutschland. Zur Bundestagswahl im September dürften es noch deutlich mehr sein, schätzen Experten. Sie studieren, engagieren sich im Fußballverein, arbeiten und zahlen Steuern. Aber wenn es darum geht, wer diese Steuern verteilen soll, dürfen sie nicht mitentscheiden, weil sie keinen deutschen Pass haben.