Für 14,99 kann sich jeder bei H&M zur Feministin shoppen. Viele Aktivistinnen verurteilen diesen Kommerz. Dabei zeigt er: Die Befreiung der Frau ist endlich Mainstream.

"Brauchen wir die Männer?", fragt eine junge Frau, die mir in einer Berliner Pizzeria gegenübersitzt. Über den acht Pizzen unseres spontanen feministischen Stammtisches bricht ein Streit aus. Wir, das sind acht junge Frauen, die sich vor drei Stunden zum ersten Mal überhaupt begegnet sind. Bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Feminismus, organisiert von einer FDP-Politikerin.

Der gemietete Saal in Berlin-Mitte war voll – beeindruckend für mich, die sich mit öden, schlecht besuchten Parteiveranstaltungen auskennt. Drei Stunden lang wurde zugehört und diskutiert. Eine feministische Autorin las aus ihrem Buch vor. Sie referierte zu Schönheit und Schlanksein, zu Ansprüchen und Erwartungshaltungen gegenüber Frauen. Es folgten theoretische Ausflüge zum Feminismusbegriff, später zur Rolle der Frau in der Arbeitswelt. Es wurde gefordert, das Ehegattensplitting abzuschaffen.

Schon während der Lesung bemerkte ich neben Zustimmung auch Kopfschütteln. Eine Teilnehmerin fragte, inwieweit die Frau für das Patriarchat mitverantwortlich sei, berichtete von der Stutenbissigkeit ihrer Kolleginnen. Eine weitere forderte die Emanzipation des Mannes, und dass die Befreiung aus Geschlechterrollen allgemein beide Geschlechter weiterbringe, forderte damit auch die Kooperation der Männer. Andere Frauen lachten auf: Bloß nicht den Mann noch zum Erlöser erklären, riefen sie.

Sich aussuchen können, wie man als Frau leben möchte

Die letzte Fragestellerin regte sich auf: Stimmt schon, dass Oberflächlichkeit die Gesundheit von Menschen gefährde, andererseits kümmerten sich auch Männer zunehmend um Äußeres, und sie selbst, Brust-OP, möchte sich nicht zum Opfer degradieren lassen: Feminismus sei doch nicht die Umkehrung von gelebter Wirklichkeit, die Verurteilung von Feminität, Kosmetik, ja, auch Schönheitsoperationen. Er sei die Freiheit, sich aussuchen zu können, wie man als Frau leben möchte. Feminismus sei Befreiung, nicht gespiegelte Moral.

Nach der Veranstaltung spazierten wir zum Pizzaessen. Wir kommen von CSU und CDU, Grüne sind dabei und Nichtwählerinnen, die Hälfte aus dem bürgerlichen Lager, die andere aus dem aktivistisch-linken Lager, zurückhaltende Printjournalistinnen bis schrille Videojournalistinnen, die Hälfte lesbisch, die Hälfte migrantisch, alle feministisch engagiert.

Und wir streiten uns. Gewinnbringend sagen die einen über den Abend, katastrophal die anderen. Also: Brauchen wir die Männer? Ja, sage ich, und mit mir die Hälfte des Tisches. Nein, ruft die andere Hälfte vehement. Und: Dass Feminismus nun popkulturalisiert werde, das sei doch insgesamt furchtbar. Ist das so?, frage ich.