Wenn Autos brennen: Gewinnen oder verlieren linke Ideen bei jungen Menschen? Radikalisieren sich diese sogar? Wie rebellisch ist die junge Linke? Fragen an einen Experten

ZEIT Campus ONLINE: Herr Willems, in Hamburg haben zu G20 Zehntausende Linke demonstriert, nicht ausschließlich friedlich. Über das zwiegespaltene Verhältnis linker Jugendlicher zu Gewalt haben Sie erst kürzlich eine Studie veröffentlicht. Glauben Sie, linke Ideen verlieren oder gewinnen nach G20 bei jungen Menschen?

Helmut Willems: Durch die Art der Demonstrationen und der Berichterstattung wurden linke Ideen ja gar nicht wirklich transportiert. Man musste schon sehr genau hinschauen, um die großen linken Themen, wie soziale Ungleichheit oder weltweite Armut, zu finden. Insofern haben diejenigen, die für die Gewalt verantwortlich sind, sich einen Bärendienst geleistet: Weil statt möglicherweise legitimer Argumente die Krawalle im Mittelpunkt standen, glaube ich nicht, dass linke Inhalte dadurch jetzt mehr Unterstützung erfahren.

ZEIT Campus ONLINE: Kann die momentane Aufmerksamkeit nicht dazu anregen, sich näher mit linken Perspektiven auseinanderzusetzen?

Willems: Bedingt. Ich denke, junge Menschen, die gerade eine politische Identität entwickeln und die sich fragen, wie sie sich für die großen Themen von Klimaschutz bis zu Menschenrechten einbringen können, werden erst mal abgestoßen. Denn das ist nicht das, was sie wollen. Sie wollen nicht zu Radikalen oder Krawalleuren gehören.

ZEIT Campus ONLINE: Was wollen sie denn?

Willems: Ich glaube, dass viele linke Themen junge Menschen ansprechen. Nicht in dieser radikalen Zuspitzung. Aber soziale Ungleichheit, Menschenrechte, Mitbestimmung, Kritik an Herrschaft und an Diskriminierung motivieren viele junge Menschen, sich zu fragen: Wo will ich mich selbst einbringen?

ZEIT Campus ONLINE: Kann die Wahrnehmung der Proteste auch die Wahlentscheidung der jungen Wähler beeinflussen?

Willems: Das ist schwierig zu sagen, aber ich vermute, dass es ein Nachdenken gibt. Die Ereignisse in Hamburg haben unter einer linken politischen Flagge stattgefunden; manche politische Parteien sehen sich ebenfalls in einer solchen Ideologie zu Hause, sagen aber gleichzeitig: Das war Krawall und hat mit Linkssein nichts zu tun. Wer sich eher links sieht, wird sich fragen, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt. Aber ob daraus eine Distanzierung oder eine andere Wahlentscheidung resultiert – da kann ich nur spekulieren.

ZEIT Campus ONLINE: Aber gehen solche Bilder denn spurlos an einem vorbei?

Willems: Die politische Sozialisationsforschung zeigt, dass einschneidende Ereignisse, wie zum Beispiel die G20-Proteste, eine zentrale Rolle dafür spielen, wie junge Menschen sich politisch verankern. Wer in Hamburg war, hat linke Gewalttäter gesehen, die auf Polizisten eingeschlagen haben, oder wurde selbst hart von der Polizei angegangen. Die Bilder, die man von dort mit nach Hause nimmt, können durchaus beeinflussen, ob man sich stärker radikalisiert oder die linke Strategie kritisch reflektiert. Aber egal, ob sie selbst vor Ort waren oder die Ereignisse in den Medien verfolgt haben, junge Menschen fragen sich sicher: Kann man diesen aggressiven Protest noch irgendwie nachvollziehen, geschweige denn rechtfertigen?

"Junge Linke sagen: Wir lehnen Gewalt ab – aber …"
Helmut Willems

ZEIT Campus ONLINE: Wie stehen junge Linke denn zu Gewalt?

Willems: Wir haben in unserer jüngsten Studie keine Radikalen, aber linke Aktivisten mit langjähriger Protesterfahrung befragt. Dabei ist deutlich geworden: Die Linke hat ihre Position zu Gewalt nie ganz geklärt, auch heute noch nicht – obwohl sich viele junge Linke Gedanken dazu machen. Sie sagen zwar grundsätzlich: Wir lehnen Gewalt gegen Menschen ab. Fügen dann aber oft hinzu: außer, um mich zu verteidigen, und gegenüber Polizisten, weil wir die eigentlich nicht als Menschen ansehen. Außerdem gibt es die Erwartung, solidarisch zu sein. Selbst wenn die Polizei dazu aufruft, werden sich auch friedliche, gemäßigte linke Demonstranten nicht von Gewalttätern trennen und sie so identifizierbar machen. Das würde gruppeneigene Normen verletzen und das machen die meisten nicht.

ZEIT Campus ONLINE: Seit Jahren werden die Unzufriedenen und Abgehängten in der Gesellschaft von der Rechten angezogen. Könnten Proteste wie die gegen G20 diese Menschen wieder für die Linke begeistern?

Willems: Wenn überhaupt, haben diese völlig aus dem Ruder gelaufenen Protestaktionen eher das Gegenteil bewirkt. Hätte man mit den "abgehängten" Leuten über die G20-Themen diskutiert, hätten die Linken sie vielleicht auch interessieren und motivieren können. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass man mit Demonstrationen, die Gewalt und Menschenverachtung zuspitzen, Zuspruch findet.