Bundestagswahl? Vor allem Jungwähler werden zu Hause bleiben. Ein Schüler, ein Handwerker und eine Angestellte erzählen von Frust und neuen Ideen für das Wahlsystem.

Wenn sich am 24. September die Schlangen vor den Wahllokalen bilden, dann wird sich wahrscheinlich wieder Grauschopf an Grauschopf reihen. Denn kaum ein Wahltrend hält sich so hartnäckig wie dieser: Die jungen Leute wählen nicht. Jedenfalls deutlich weniger als die Alten. 

Bei der vergangenen Bundestagswahl gingen 60 Prozent der 21- bis 24-Jährigen zur Wahl – so wenig wie keine andere Alterskohorte. Bei der Europawahl 2014 waren es in Deutschland sogar nur 35,3 Prozent der 21- bis 24-Jährigen. Etwas häufiger stimmen die unter 21-Jährigen, also die Erstwähler ab. Ansonsten gilt aber: Je älter, desto wahrscheinlicher gehen Menschen wählen. Ab 30 Jahren steigt die Wahlbereitschaft nachweislich an. 

Am seltensten gehen junge Menschen wählen, wenn sie einen Hauptschulabschluss oder gar keinen Abschluss haben. Nicht einmal jeder zweite unter 30-Jährige mit Hauptschulabschluss gab an, bei der Bundestagswahl 2009 gewählt zu haben.

Auch in Großbritannien stimmten junge Briten deutlich seltener ab und beschwerten sich dann, die Alten hätten ihnen mit dem Brexit ihre europäische Zukunft versaut. 

Aber wieso sind gerade die Jungen so wahlmüde? Junge Leute binden sich weniger an Parteien, sind viel unterwegs und fühlen sich von den Wahlkampfthemen (Rente!) weniger angesprochen, vermuten Politikwissenschaftler. Wir haben drei junge Leute gefragt, die noch nie gewählt haben – und (voraussichtlich) auch am 24. September kein Kreuz machen werden.  

Sandra, 24, Kaufhaus-Angestellte

Ich erinnere mich nicht daran, jemals in meinem Leben gewählt zu haben. Ich bin bei meiner Mutter aufgewachsen und die ist auch nie wählen gegangen. Zumindest wüsste ich nichts davon.

Über Politik haben wir zu Hause nie geredet. Für mich gibt es auch wirklich kaum etwas Langweiligeres, als darüber zu reden, was sich die Leute in ihren Anzügen überlegt haben. Als Schülerin habe ich mich fürs Tanzen interessiert und jetzt muss ich mich um Kita und Arbeit kümmern. Ich habe keine Zeit mehr für anderes. Mein Sohn ist dreieinhalb Jahre alt und ich wohne mit ihm bei meiner Mutter, sonst würde ich es nicht schaffen, noch arbeiten zu gehen.

Zurzeit arbeite ich 30 Stunden pro Woche in einem Kaufhaus, nicht gerade mein Traumjob, aber ist schon in Ordnung. An all dem, meinem Kind, dem Job und so, da wird die Politik ja auch nichts dran ändern. Was weiß ich, was die mit dem Steuergeld machen. Damit finanzieren die dann solche Katastrophen wie G20. Und für mich gibt es im besten Fall mal wieder zwei Euro mehr Kindergeld. Dafür kann ich auch nicht in die Karibik fahren.

"Von mir aus kann die Merkel Kanzlerin bleiben. Es wird sich sowieso nichts ändern."
Sandra

Erst als mein Stiefvater vor acht Jahren bei uns eingezogen ist, wurde bei uns auf einmal ständig über Politik geredet. Mein Stiefvater ist Mitglied bei der SPD. Er redet immer von den Genossen, aber was der da macht, weiß ich auch nicht. Ich glaube ja, der braucht nur einen Grund, um regelmäßig Leute in der Kneipe zu treffen. Jetzt sind die alle ganz aufgeregt wegen dem Schulz. Aber mir ist das egal. Ich glaube einfach nicht, dass sich irgendwas ändert, wenn der Kanzler wird. Mein Leben wird genau das gleiche bleiben. Wieso soll ich da wählen gehen?

Von meinen Freunden interessiert sich auch keiner für Politik. Wir machen halt alle so unser Ding. In meinem Alter kenne ich eigentlich nur den Vater meines Sohnes, der auf einmal politisch geworden ist. Ich habe gar nicht mehr viel mit ihm zu tun. Wir sehen uns eigentlich immer nur noch kurz an der Tür, wenn er unseren Sohn abholt und wieder bringt. Aber wir sind noch auf Facebook befreundet. Da sehe ich, dass er seit einiger Zeit auch so Anti-Merkel-Sachen postet und Artikel von der AfD gelikt hat. Auf einem Merkel-Bild steht zum Beispiel: "Es gibt immer noch Idioten, die mich wählen. Lol."

Dass mein Ex-Freund die AfD gut findet, spricht für mich eher dagegen, dieser Partei etwas zu glauben. Ich glaube auch nicht, dass die irgendwas anders machen würden. Die wollen doch auch nur an die Macht. Alle machen vor dem Wahlkampf Versprechungen, die sie dann eh nicht einhalten. Petry oder Schulz, im Grunde ist mir das egal. Von mir aus kann die Merkel Kanzlerin bleiben. Es wird sich sowieso nichts ändern. Da kann mich keiner von überzeugen.