Im Sommer reden alle nur noch Quatsch. Wer schlau ist, macht Urlaub auf Island; zurück bleiben die Verschrammsäuselnden. Es wird Zeit: Der Sommer gehört abgeschafft.

Die Sonne brennt aufs Haar, die Hitze drückt ins Hirn. Die Jahreszeit Sommer ist ein zähes Verbrechen. Überall liegt Hundescheiße, die Bauern sind besorgt, und beim Aldi fällt die Kühlung aus. Man liegt im Gras auf einem halbnassen Handtuch, darunter Erde, Kacke, Samen, und soll sich dann "sonnen", entspannen, erholen. Jedenfalls wohlfühlen gefälligst! Das Gehirn suppt wie die Achsel.

Ist dem besonnenen Zeitgenossen im Allgemeinen schon dringend anzuraten, Kommunikation mit Passanten auf leeres, hohles Lächeln zu beschränken und überhaupt den Gehörgang mit belgischer Qualitätssülze zu schließen, wird der Aufenthalt unter Menschen ab Mitte Mai zur Qual. Das Schlimmste an der Hitze ist: Im Sommer reden alle nur noch Scheiße.

Erträgliche Leute verstummen, essen semigutes Eis und fotografieren Touristen. Wer sich liebt, geht nach Island. Berühmte Philosophen wie Kant oder Matthias Schweighöfer haben unbekannterweise praktisch ihr ganzes Leben vor dem Kühlschrank verbracht. Und geschrieben und geschwiegen.

Anders da die Redemenschen. Sie sind überall. Der Sommer: Er hat sie geschaffen. Ihrer geballten geblubberten Macht gegenüber wird jeder Widerstand zum Kampf gegen Wassermelonen. Nirgends ist man sicher.

Im Sommer drehen die verdummten Massen frei

Keine Oase des Friedens, Stille, nein, im Gegenteil. Ständig und überall muss man der geradezu körperverletzenden Penetranz absoluten Langweilnervtalks lauschen, ausgestoßen von mittelgrauen Autohausvertretern und Germanistikstudenten aus Würzburg mit Hund, die mit Chance mal haarscharf am Reflexionsniveau eines spätgymnasialen Festivaltrottels gepflegt dran vorbei sich verschrammsäuseln.

Das Nichts ihrer Meinung bohren die sich unangepasst Wähnenden in das Hirn ihrer lesenden, denkenden, schauenden Umwelt wie ein Jingle von Check24. Sie haben nichts als ihre Fesseln. Die gebrauchen sie. Und hören niemals auf.

Die schlimmsten Vertreter dieser Gattung lassen sich vornehmlich daran erkennen, dass sie in den Horrormonaten Juli und August geschlossene Gebäude für mehr als eine halbe Stunde am Stück verlassen. Das machen sonst nur Grundschüler oder Foodora-Fahrer. Die Wirkung: fatal. Die Hitze verklebt die Augen; Orientierungsverlust, Taumel; Raum und Zeit – verschwimmen. Dass in die Folterzellen von Abu Ghraib statt Eminem-Songs nicht hitzige Gespräche zwischen Pharmaziedoktoranden übertragen wurden, die über die richtigen Artikel vor Süßwaren oder die Rentenreform streiten, ist ein Wunder.

Anders als die Reichen regieren die Alltagsterroristen nicht durch Geld, sondern blöken Dummheit in uns rein.

Das Schlimmste: die unverschämte Selbstverständlichkeit, mit der sich Kretins und Kroutons über andere setzen. Aufgewachsen mit dem Glauben an ihre eingebaute Vorfahrt, müllen die Leon-Friedrichs dieses Landes die Straßen mit sich voll. Anders als die Reichen regieren jene Alltagsterroristen nicht durch Geld, sondern blöken Dummheit in uns rein. 

Im Regionalexpress.

Im Café.

An der frischen Luft.

Die Folgen – verheerend. Die verdummten Massen drehen frei. Von Rohrbruch über Merkel bis Faschismus ist alles möglich, auch und gerade heute. Kein Wunder, dass alle depressiv werden. Volkskrankheit Ohrenschmalzmangel.

Der Sommer gehört abgeschafft

Weil niemand mehr zuhören mag, flüchtet sich die in Unmündigkeit zurückgeführte Menschheit in Schwachsinnshobbys: Fitness, Putzen, Yoga. Hauptsache, alle halten die Fresse. Wenn doch sprechen, dann nur mit Alkohol.

Deshalb kann es nur eine Lösung geben: Der Sommer gehört abgeschafft und alle seine Helfer eingesperrt. Der Sommer ist schuld am Postillon, an Markus Lanz und an Poetry Slams. Er führt zur Wüste im Hirn und macht das Ex- zum Sakrament. Der Geschmack löst sich auf. Der Mensch stumpft ab. Schluss damit.

Eine ganze Jahreszeit abzuschaffen ist zwar in etwa so schwierig wie leckeres Mensaessen zu machen oder gutes deutsches Fernsehen – schon die Abschaffung der Sommerzeit füllt seit Jahren ganze Zeitungen und beliefert gelangweilte Vermischtes-Redakteure verlässlich mit Stoff, auf dass sie irre werden. Daher empfiehlt sich ein schrittweiser Vorgang. Als erstes Teilprojekt könnte eine gezielte Abwertung der Bullshit-Laber-Fächer Jura, BWL und Germanistik stehen samt Verlagerung an Fachhochschulen in Gifhorn und Zeulenroda. Das verbraucht wertvolle Ressourcen und schont so die Umwelt. Hach, so viel ruhiger schon alles!

Überhaupt: Sport. Was waren Mutti und Vati nicht froh und glücklich, wenn der kleine Heinz einem Wurm oder Rottweiler durch den Garten hinterherjagte und abends ins Bett und besser vorher noch vom Baum herunterfiel! Die Volksrepublik Nordkorea zeigt heldenhaft, wie man dieses Beispiel auf ganze Menschenmassen anwendet – große Paraden, in denen jeder seinen festen Platz einnimmt, verringern den Redebedarf erheblich. Wie ein Festival, nur hygienischer.

Ein Erasmus-Jahr zählt 17 Menschenjahre.

Hörverlust und Altersheim: ein weiterer bequemer Weg aus dem beschädigten Leben. Dass Enkel und Schwiegertöchter eh nie zu Besuch kommen – sehen Sie’s als Segen. Irgendwann hören Sie wieder die Vögel zwitschern, riechen Mohn und sehen Sterne (vor Mangelernährung). Auf die solidarisch finanzierten Sozialsysteme eines der reichsten Länder der Erde ist doch immer noch Verlass.

Dieses Privileg muss nicht den Alten vorbehalten bleiben, es geht auch schon in jungen Jahren. Anti-Anti-Aging-Helfer wie Schimmel oder Crystal Meth gestalten den Einstieg ins Alter perfekt. Zur Not einfach ganz viel Zeit unter "Gleichaltrigen" verbringen, das schlaucht und verbraucht Energie. "Spaß"haben, "neue Leute kennenlernen". Am besten zu ganz vielen "Hochschulgruppen" – und noch zu "Amnesty International"! Oder gleich ins Ausland. Schon gewusst: Ein Erasmus-Jahr zählt 17 Menschenjahre. Dort trifft man dann wirklich interessante, bereichernde, tolle Menschen und führt lauter lustige und tiefsinnige Gespräche. Nämlich immer dieselben.