Rechts sein ist in Ungarn nicht nur normal, sondern cool: Die Hälfte der Jungen wählt rechts. Doch nun bildet sich in Budapest eine junge Opposition. Und sie hat Angst.

Als sie 14 war, klebten im Kleiderschrank von Eszters Jugendzimmer in Ostungarn zwei Fotos: Ein Mann mit nassen blonden Haaren und nacktem Oberkörper aus einer Mädchenzeitschrift; und daneben, ein bisschen kleiner, aus einer Zeitung ausgeschnitten, ein junger und schlanker Viktor Orbán mit dichtem braunen Haar und einem Mikro in der Hand. Merkwürdig fand das damals, vor zehn Jahren, niemand. Alle ihrer Freundinnen trugen Schmuck in Ungarns Nationalfarben, fast alle gingen alle in die Kirche und in Schulklassen, in denen hinter vorgehaltener Hand spekuliert wurde, ob das Mädchen aus der Parallelklasse jüdisch sei oder nicht.

Rechts sein ist schon lange nicht nur normal, sondern oft auch ziemlich cool in Ungarn. Laut einer Umfrage des Instituts Republikon wählt fast die Hälfte der jungen Ungarn entweder die nationalkonservative Regierungspartei Fidesz oder die rechtsradikale Jobbik.

Mittlerweile ist Eszter das Orbánfoto in ihrem Teenagerkleiderschrank ähnlich peinlich wie das des halbnackten Schönlings. So peinlich, dass sie ihren richtigen Namen hier nicht lesen möchte. Denn inzwischen lebt sie in Budapest und demonstriert dort gegen Orbáns autokratische Politik. Budapest unterschied sich schon immer ökonomisch und sozial vom Rest des Landes. Gerade junge, gebildete Menschen leben hier und fühlen sich von der autoritären Regierung unter Staatschef Viktor Orbán in ihrer Freiheit eingeschränkt.

Als Orbáns Fidesz-Partei im April 2017 ein Gesetz verabschiedete, das offensichtlich zur Schließung der renommierten Central European University (CEU) geführt hätte, gingen Zehntausende dort dagegen auf die Straße, die meisten davon Studenten. Und Budapest ist auch das Zentrum der Jugendbewegung Momentum, die Anfang 2017 mit einer Unterschriftenaktion Orbáns Prestigeprojekt, die Bewerbung Budapests für die Olympischen Spiele 2024, platzen ließ. Zumindest in der Hauptstadt scheint sich die Stimmung zu ändern. Wir haben mit Eszter und zwei weiteren Studenten gesprochen, die gegen Orbáns Bildungspolitik demonstrieren – obwohl sie vorher nicht unbedingt politisch aktiv waren.

Eszter (24), hat gerade ihr Psychologiestudium abgeschlossen

Lange Zeit wusste ich nicht, was "Politik" überhaupt bedeuten sollte. Ich dachte das Wort sei ein Synonym für "Streit": Streit darüber, welche Partei die beste ist. Denn so habe ich es jahrelang erlebt: In meiner Familie wurde in erster Linie darüber gestritten, ob die rechtskonservative Fidesz-Partei oder die sozialdemokratische MSZP die beste sei. Mein Großvater war für den ehemaligen sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Gyurcsány, mein Vater für Orbán und der Nachbar für irgendjemand anderes. Jeder argumentierte, dass sein jeweiliger Favorit der Schlauste und der des anderen ein Vollidiot sei. Um politische Inhalte ging es nie. Als gehorsame Kinder und Jugendliche waren meine Geschwister und ich dann auch für die Fidesz, für Kritik war kein Platz. Es gab keine vernünftigen Diskussionen, sondern fühlte sich eher an wie der Streit um den besten Fußballverein.

Erst als ich für mein Studium nach Budapest gezogen bin, habe ich die Erfahrung gemacht, dass man auch in einem normalen Tonfall über Politik sprechen kann. Im Wohnheim und im Freundeskreis traf ich Menschen, die Nachrichten lasen und eine Position dazu hatten. In unserem Wohnheim kamen Studenten aus den verschiedenen Fachbereichen zusammen und abends, wenn wir bei einem Bier zusammensaßen, tauschten sie sich aus. Anfangs saß ich nur dabei, hörte zu und begann, nachzudenken.

Ich mochte, dass es ein Protest für etwas war, nämlich für ein freies Bildungssystem.

Als die Regierung dann anfing, die Freiheit der Universitäten einzuschränken, ging ich im April 2017 zum ersten Mal auf die Straße. Eigentlich hatten ich etwas anderes vor – ich wollte mit meinem Bruder und einem Freund in eine Shisha-Bar – aber als wir von der Demo gegen die Schließung der Central European University gehört haben, war klar: Das ist zu wichtig, um nicht hinzugehen. Ich wollte auf keinen Fall, dass sie aus der Uni Politik machen. Und ich mochte, dass es ein Protest für und nicht gegen etwas war, nämlich für ein freies Bildungssystem.

Die Stimmung war friedlich und eben gerade nicht wie eine Fußballparty. Die meisten von uns waren Studierende mit unterschiedlichen politischen Meinungen. Aber es spielte keine Rolle, von welcher Seite du kamst, wichtig war vor allem, dass es zivilisiert zuging. Wir riefen einfach "Freies Land, freie Universität!". Meine Eltern waren dagegen. Vor allem mein Vater und auch einer meiner Brüder stellten mich als naiv und albern hin. Mir war das egal. Ich würde für dafür auf jeden Fall wieder demonstrieren. Ich glaube, dass es etwas bringen kann. Die Internetsteuer im Jahr 2014 wurde zum Beispiel auch wieder zurückgezogen, nachdem so viele dagegen auf die Straße gingen.