Wohnungssuche, die: Freizeitbeschäftigung für Masochisten, Rich Kids und heterosexuelle Pärchen. Wir erklären im Glossar, welche göttlichen Mächte den Markt beherrschen.

"Die Hölle, das sind die anderen auf der Wohnungsbesichtigung", meinte Sartre eigentlich. Beziehungsweise: Auch alle anderen, die mit dem Wohnungsmarkt zu tun haben: Makler, Vermieter, Vormieter. Wer eine Wohnung braucht, muss sich mit Menschen gut stellen, die er nie kennen lernen wollte und an denen er kein Interesse hat. Aber sie haben nun einmal, was man braucht: eine Wohnung.

Und um einen Mietvertrag zu bekommen, muss man inzwischen vor allem in den Innenstadtbereichen deutscher Großstädte nicht nur auf einer Besichtigung auftauchen. Nein, der Mietmarkt hat sich längst bis zur Perversion professionalisiert. Wer ohne polizeiliches Führungszeugnis und professionelles Portrait in der Bewerbungsmappe zum Bewerbungsgespräch (veraltet: Besichtigung) kommt, ist direkt raus. Da kann man schon mal den Überblick verlieren.  

Absage, die

Häufiger und doch seltener als die Zusage. Funktioniert meist ähnlich wie der Datingtrick Ghosting, bei dem ein Partner die Beziehung durch plötzliche Funkstille beendet. Nach dem gleichen Prinzip haben auch WGs und ➔Vermieter nicht das Herz, den Anstand oder die Zeit, allen Bewerbern abzusagen. Da hilft nur eins: Rebound-Wohnungen besichtigen.

Anschreiben, das

Dient der Selbstvermarktung und muss daher an die Zielgruppe angepasst werden. Will man eine WG von sich überzeugen, hilft die Vier-Punkte-Persönlichkeit: Zwei Eigenschaften, die immer gehen: ordentlich ("halte natürlich den Putzplan ein") und entspannt ("immer für ein Bier in der Küche zu haben" – das Glas Wein ist mindestens seit 2013 out). Eine, die sonst niemand hat: "kann alle Star-Wars-Filme mitsprechen". Und eine, die gut bei der WG ankommt: "wollte sowieso schon immer vegan leben".  All das kann man sich bei ➔Vermietern oder Wohnungsgesellschaften sparen: "Ich bin die langweiligste, stubenreinste und reichste Person, die Sie finden können", reicht völlig aus. Muss zu Beginn der Wohnungssuche, also etwa 18 Monate vor geplantem Einzug, formuliert werden.

Ansprüche, die

Können sich fast ausschließlich gut verdienende, heterosexuelle, weiße Paare mit Akademikerhintergrund leisten, deren Eltern und Großeltern schon das beste Abitur ihres Jahrgangs gemacht haben. Bei allen anderen Suchenden sinken A. exponentiell mit der Suchdauer. Hauptmerkmal des verzweifelt Wohnungssuchenden ist, dass er über keinerlei A. mehr verfügt.

Bewerbungsgespräch, das

Auch: Besichtigung (veraltet)
Früher hatte das B. die Funktion, die Wohnung, für die man sich interessierte, einmal anzusehen. Daher auch der inzwischen veraltete Begriff Besichtigung. Diese Funktion des B. ist seit knapp zehn Jahren in den Hintergrund getreten. Nicht nur, weil die 49 anderen Anwärter, mit denen man sich zeitgleich durch die Wohnung schiebt, die Sicht auf selbige versperren. Inzwischen geht es beim B. ausschließlich darum, sich vor dem ➔Makler bzw. dem ➔Vormieter als ➔Traummieter zu inszenieren und die Bereitschaft zu zeigen, jede extreme gesellschaftspolitische Meinung wegzunicken. Daher sollte während des B. die Besichtigung der Wohnung auf ein Mindestmaß reduziert werden. Makel an der Wohnung dürfen ausschließlich vom ➔Makler bzw. dem ➔Vormieter ausgehen und sollten sofort vom Bewerber nach dem K-B-Prinzip entschärft werden: Kleinreden und Bindung aufbauen. Erzählt der ➔Vormieter etwa: "Um warm zu duschen, musst du zuerst das Wasser im Waschbecken voll aufdrehen und dann die Dusche anmachen. Dann mit dem rechten Bein zuerst in die Wanne, danach kannst du den Wasserhahn im Waschbecken wieder ausschalten. Ist ein bisschen unpraktisch", sollte das Problem vom Bewerber zunächst kleingeredet werden: "Ach was, da gewöhnt man sich doch bestimmt total schnell dran, oder?" Anschließend kann man durch eine eigene kleine Anekdote eine persönliche Bindung zum ➔Vormieter aufbauen: "In meiner aktuellen Wohnung habe ich nur vier Tage die Woche warmes Wasser, das wäre für mich hier also absoluter Luxus!" 

Fettnäpfchen, das

F. gibt es bei der Wohnungssuche nicht, nur unverzeihliche Fehler.

Hoffnung, die

Sollte man schnellstmöglich lernen, aufzugeben. Sonst droht ➔Scheinverlustangst.

Makler, der

M. treten zwar in menschlicher Gestalt auf, existieren jedoch nur bei ➔Bewerbungsgesprächen in dieser Form. M. sind laut Forschern Teil jener Kraft, die stets das Gute will und doch das Böse schafft. Ihre Existenz ist seit Jahrhunderten überliefert, M. tragen jedoch je nach Epoche unterschiedliche Bezeichnungen: Die Figur des Beelzebub und des Pharao im Alten Testament waren alte Personifizierungen der heute in Form des M. auftretenden Kraft. Auch in zeitgenössischen Erzählungen tauchen M. immer wieder auf, Beispiele aus dem 20. Jahrhundert sind etwa Darth Vader in Star Wars oder Sauron in Der Herr der Ringe. Es gilt, sich ihrem Willen unbedingt zu beugen.