"Ich kann gar nicht rassistisch sein. Ich will ja Gutes tun." Auf dem Z2X-Festival spricht unsere Autorin über den Aufschrei, wenn sie Diskriminierung anspricht.

Z2X17
»Ich habe keine Zeit, männliche Egos zu streicheln«
Sie möchte lieber zuhören, als Unterstellungen zurückzuweisen: Leila El Amaire spricht in ihrem Z2X17-Blitzvortrag über Haltung und Neutralität in der Öffentlichkeit.

Beatrix von Storch hat mal eine Statusnachricht über mich geschrieben. Zitat: "Sie wollen keine Integration. Sie lehnen es ab. Und das hier sind die Gemäßigten." Darunter ein Videoausschnitt, in dem ich sage: "Wir müssen uns nirgendwo hin integrieren!" Sie kannte meinen Namen nicht und deshalb zog der rechte Shitstorm mehr oder weniger anonym an mir vorbei. Aber selbst wenn nicht, es wäre mir egal gewesen. Denn ich würde diesen Satz zu jeder Zeit genau so wiederholen.


Es wird aber zunehmens schwerer, sich für eine politische Sache einzusetzen. Es ist, als wäre das Wort politisch mit skandalös gleichbedeutend geworden. Der Shitstorm ist inzwischen nur noch ein falsches Wort oder eine konstruierte Wahrheit entfernt. Das mindert aber nicht die Notwendigkeit, weiter zu machen. 


Wir bewegen uns irgendwo zwischen dem Bewusstsein, dass wir dringender denn je Stellung beziehen müssen und der Erwartung, eine neutrale und distanzierte Haltung zu allem einnehmen müssen. 
Ein kluges Facebookzitat würde jetzt wahrscheinlich sagen, dass die Mitte das Ziel ist. Ich glaube aber nicht daran. Ich glaube weder daran, dass Facebookzitate klug sind, noch daran, dass unsere Haltung je neutral sein kann. Ich glaube, dass wir keine Zeit mehr haben, davon zu träumen, je dieses Ideal von Neutralität erreichen zu können und auch nicht, dass es die ultima ratio all unserer Konflikte ist. 



Der Hinweis zu Rassismus führt zu einem größeren Aufschrei als der Rassismus.

Vor allem nicht, wenn wir in Bereiche vorstoßen, in denen wir noch keine Erfahrungen gesammelt haben und die ersten Reibungspunkte mit den Menschen aufkommen, von denen wir dachten, dass wir uns doch für sie einsetzten. Dann ist nicht die Zeit, neutral zu sein. Aber es ist dann an der Zeit, das Zuhören zu lernen.

Als betroffene Person einer marginalisierten Gruppe, die unter anderem von Rassismus betroffen ist, habe ich oft die Erfahrung gemacht, dass der Hinweis zu Rassismus nicht selten zu einem größeren Aufschrei führt, als der eigentliche Rassismus. Und dasselbe gilt auch bei anderen marginalisierten Gruppen, die von Diskriminierungsformen betroffen sind. 


"Ich kann gar nicht rassistisch (ableistisch, homo-, transfeindlich usw.) sein, weil deshalb bin ich doch hier! Denn ich will ja Gutes tun! Ich bin auf deiner Seite!" 


Doch, du kannst. Ich kann auch. Wir alle können. Ob wir wollen, scheint die passendere Frage auf die nicht verlangte Antwort. Viele würden das wahrscheinlich verneinen und trotzdem sind sie es ab und an. Und ich sage das ohne Wertung, quasi mit neutraler Gefühlslage.

Denn viel wichtiger als die Frage, ob wir es sind, ist die Frage, was wir mit diesem Hinweis machen. Das entscheidet nämlich oftmals darüber, ob das angestrebte Bündnis zusammenhält oder auseinander bricht. Und auch diese Erfahrung haben sicherlich schon einige gemacht.

Ich habe keine Zeit mehr, männliche Egos zu streicheln.

Wir alle müssen in unserem Alltag, in unserer Arbeit, in unserem Engagement ziemlich viel herumbalancieren zwischen: Menschen nicht zu nahe treten, positive Veränderungen schaffen, reflektierte Kritik äußern und trotz alle Menschen in einer Art und Weise mitreißen, welche nicht wieder alte Muster reproduziert. Ich glaube aber, dass wir alle das Potential dazu haben, das zu schaffen. Wir müssen uns selbst und uns gegenseitig hierfür nur den Raum und die Möglichkeit geben, auch diese Entwicklung machen zu dürfen.

Eine Entwicklung raus aus alten Denkmustern, eine Entwicklung raus aus neuen Denkmustern. Eine Entwicklung raus aus Mustern. Wir sollten, wenn wir tatsächlich davon überzeugt sind, etwas Gutes im übergeordneten Sinne zu tun und nicht nur für uns selbst, uns die Zeit nehmen, diese Entwicklung auch selbstständig voranzutreiben. Und nicht darauf warten, dass betroffene Menschen uns alles in kleinen, angenehmen Häppchen servieren, die wir verdauen können.



Ich habe anfangs gesagt, dass ich daran glaube, dass wir keine Zeit mehr haben dem Ideal der Neutralität hinterher zu träumen. Aber hier endet es nicht. Ich habe auch keine Zeit mehr, männliche Egos zu streicheln, bevor oder nachdem ich sexistisches Verhalten anspreche. Ich habe keine Zeit, Menschen mit den selben Überzeugungen wie ich, davon zu überzeugen, plumpe 0815-AfD-Anschuldigungen zu durchschauen und zu dekonstruieren. Ich habe keine Zeit mehr, meine Aufmerksamkeit öfter den Leuten zu widmen, die Muster reproduzieren, als den Leuten, die darunter leiden.

Ich habe keine Zeit mehr, den falschen Fokus zu setzen. Ich hätte stattdessen gern mehr Zeit für "Ich höre zu." als "Unterstellst du mir gerade, dass..?!", mehr Zeit für "Wir machen das gemeinsam!" anstelle von "Ich ermögliche dir." und vor allem hätte ich gerne mehr Betonung auf "Haltung" als auf "neutral". 

Und ich glaube, dass wenn wir uns an all das regelmäßig erinnern, wir uns allen gegenseitig das Leben wesentlich leichter machen.