Auf wen könnt ihr euch wirklich verlassen, liebe Eltern? Auf die drei Hansel, die alle halbe Jahre mal zu euch zum Abendessen vorbeikommen?

Dieser Text ist zuerst in Die Epilog — Zeitschrift zur Gegenwartskultur erschienen.

Das ist ja meine Lieblingsbeleidigung: "Hast du eigentlich Freunde? Gibt's Leute, die dich mögen?" Das zieht in der Magengrube. Das sickert richtig gut ein. "Hast du Freunde?": Das nehmen Leute mit nach Hause und weinen.

Also ich weiß nicht, ob meine Eltern Freunde haben. Ein paar vielleicht. Ich hab viele Freunde, 781 auf Facebook. Kein Scherz, ich mein das so. 781 Freunde: BÄM! Facebook: BÄM!

Meine Eltern erzählen mir, das seien keine Freunde. Mit von überlegener Einsicht gerunzelter Stirn geben sie mir zu bedenken, man könne sich auf diese virtuellen Beziehungen nicht verlassen. Wer von denen sei denn WIRKLICH für mich da, wenn es mal HART AUF HART käme? Das sei doch nicht ECHT!

1. Was soll das sein? Hart auf hart? Gay sex?

2. Die sind schon echt, die sind alle wirklich da, auch außerhalb meiner Freundesliste. Und wenn ich deren Hilfe brauche, kann ich bei denen klingeln. Und zwar auch in New York oder in Trento oder Brisbane oder in Hude. Da hab ich nämlich überall Freund*innen.

Ich habe Freunde, obwohl ich arbeite, obwohl ich in einem anderen Land lebe, obwohl ich Familie habe, obwohl ich gerade in der U-Bahn sitze. Ja, leider ist nicht alles an den sozialen Medien scheiße. Leider bleibt hinter dem ganzen Datenkapitalismus, hinter den Fake-News, hinter den Filterbubbles und Sponsored Links, hinter Fake-Accounts und Überwachungsstaat immer noch ein gigantisches, weltumspannendes Beziehungsnetzwerk. Schon geil.

3. Und überhaupt: Auf wen könnt ihr euch denn WIRKLICH verlassen, liebe Eltern? Auf die drei Hansel, die alle halbe Jahre mal zu euch zum Abendessen vorbeikommen? Und wenn die sterben oder wegziehen oder keine Zeit mehr haben?

Habt ihr da eigentlich einen Plan? Ist Freundschaft für euch irgendwie ein Anliegen? Oder ist das so passiert, dass man auf einmal niemanden mehr kannte, sich für niemanden mehr interessierte, niemanden mehr mochte und von niemandem mehr gemocht wurde? Ist euch Freundschaft eigentlich egal?

Ich verstehe schon, war alles nicht so einfach. Ihr wart die Ersten, für die Freundschaft nicht mehr einfach passiert ist, in der Nachbarschaft, in der Familie, auf Arbeit. Ihr wolltet die über Jahrhunderte gefestigten Manieren, die Regeln, die Etikette nicht mehr, die alles Soziale ganz ohne die Beteiligten regelte. Ihr wart die Ersten, die wegzogen, die sich selbst finden mussten, die auch Freunde finden mussten. Für euch war Freundschaft nichts Zugefallenes, ihr hättet sie erkämpfen müssen.

Stattdessen habt ihr abgewartet. Und dann kam die Beziehung. Und dann die Arbeit. Und dann die Kinder. Und dann habt ihr das gemacht, was die anderen machen, weil es die anderen machen. Ihr seid zu Hause geblieben. Ihr habt euch aneinander geklammert. Und an eure Kinder. Dabei wollten die doch weg. Die wollten doch niemanden ohne Freunde.

Und so habt ihr euch noch fester umarmt, bis da auch keiner mehr zwischenpasste. Kein Blatt Papier, kein Gedanke, kein Witz, keine Pulle Bier, kein Nacht- Nacktbaden, keine Seemannslieder, keine Luftmatratzen und Katersonntage, keine freundschaftliche Zärtlichkeit, keine Verletzlichkeit, kein Streit, keine Ewigkeit.

Ok, vielleicht waren euch auch andere Dinge wichtiger: die Familie (weil die nicht weg kann?) oder der Job (weil der weg kann?). Oder ihr wart einfach träge. Ich glaube, ihr wart träge. Freundschaft braucht Absicht, die passiert nicht. Oder die passiert, aber nur, wenn sie einem was bedeutet, mindestens so viel, dass sie Absicht sein könnte. Für Freundschaft muss man da sein. Ihr wart eher hier, bei euch. Mit euch allein.

Und ihr erzählt mir noch mal was über Freunde.