Der Dritte Weltkrieg bricht nicht aus, keine Sorge, sagte Angela Merkel im Interview mit YouTubern. Alles wird gut. Das Schlimme ist: Man glaubt es ihr.

Die Bundeskanzlerin wusste als Allererste, wo diese Interviews hinführen würden, als Lisa "ItsColeslaw" Sophie sie fragte, ob sie sie denn nun mit Frau Bundeskanzlerin ansprechen solle oder mit Frau Merkel. "Frau Merkel ist absolut okay."

So okay wie der Stream. Auch die Fragen: Fair und echt okay. Die Beauty-YouTuberin Ischtar Isik, die am Ende ihrer zehn Minuten mit der Bundeskanzlerin sagt, das sei ihr erstes Interview gewesen, muss sich zwar anhören: "Ach, sonst machen Sie nur Selbstdarstellung?" Aber sogar das ist okay. Weil Merkel gleich hinterher schiebt: "Sie haben Talent." Ach, danke. 

Angela Merkel musste nicht wüten, sie musste nicht überzeugen oder eine Gänsehautantwort geben, als sie am Mittwoch von vier YouTubern interviewt wurde. Sondern einfach nur ruhig bleiben.

Egal welches Thema ihr die vier jungen Leute in ihren zehn Minuten Interviewzeit zuwarfen: Elektromobilität, die Türkei, Bildung, das politische Desinteresse der Jungen, Feminismus, Trump – Merkel blieb cool. Der Dritte Weltkrieg, sagte sie auf die Frage von Mirko "MrWissen2Go" Drotschmann, werde nicht ausbrechen, keine Sorge, da werde sie alles tun, was sie kann. Das ist nix Neues, das kann sie, abwiegeln, einlullen.

Als Alexander "AlexiBlexi" Böhm von Merkel wissen wollte, welchen politischen Spruch sie sich auf ein T-Shirt drucken würde, fiel Merkel nichts Besseres ein, als nach einem längeren Zögern zu sagen: eine Welle aus ihrer Heimat Mecklenburg-Vorpommern. Wahrscheinlich bloß keine zu große. Und ihr Lieblingsemoji sei das lächelnde, das wütende sei nicht so ihr Ding. Und sah dabei selbst aus wie das lässige Emoji mit der Sonnenbrille. Alles cool, alles okay, ich habe das alles im Griff. Das Schlimmste daran ist: Man glaubt es ihr. Denn Merkel hat die Jungen gehackt.

Wenn Merkel spricht, steht sogar das Internet still.

Sie hat das schnelle Medium YouTube verlangsamt, hat die jungen Fragenden, die sonst für immer kürzere Aufmerksamkeitsspannen sprechen und schneiden, runtergeholt auf ihr Tempo. Wenn Merkel spricht, steht sogar das Internet still. Auch wenn an der Onlinekommentarwand auf YouTube die Beschimpfungen nur so durchratterten, die Fragen, die unter dem Hashtag #DeineWahl ohne Ende einflossen, Merkel legte allem ihren zeitlosen Redeschleier über. Sie bemühte sich um nichts, machte sich nicht locker, Sprüche sowieso nicht, sie strengte sich nicht einmal an. Musste sie auch nicht.

Denn die zwei jungen Männer und Frauen, die Merkel in den Stühlen gegenüber saßen und jeweils zehn Minuten Zeit für ein Interview hatten, gehören zur Generation Merkel, sie kennen keine andere Kanzlerin als sie. Sie saßen stellvertretend da für eine Generation, die in großem Wohlstand aufgewachsen ist und die Merkel helfen soll, nochmal Kanzlerin zu werden. Sie kann darauf hoffen, und sie musste die Jungen im Studio davon nicht mal überzeugen. Denn sie schaffte etwas viel Wichtigeres: Sie ließen sich von ihr beruhigen.

Das einzige negative Gefühl, das in den Interviews vorkam, war die Angst: Angst vor einem Dritten Weltkrieg, Angst vor dem verrückten Herrn Trump. Und Merkel gelang es, den jungen YouTubern zu vermitteln: Ich habe das alles im Griff, keine Sorge, alles wird gut. Dadurch entspannten sich alle vier, weil sich bei ihnen der Merkelgedanke einschlich: Will ich lieber eine Kanzlerin, die trotz dieser Weltlage Grundsatzreden hält, öffentlich anklagt und Trump eins reindrückt? Oder eine, die sich im Hintergrund diskret darum kümmert, dass nicht übermorgen die Welt untergeht?   

Es ist halt alles sehr kompliziert, meint Merkel, wir arbeiten dran, aber es gibt noch viel zu tun. Stimmt ja. Ist okay. Alles okay. Im Chat kochte zwar die Wut, aber das waren die Spammer und die Kiddies, die textuelles Dauerfeuer ablieferten. Über den Bildschirm lief, und das ist viel wichtiger für die Kanzlerin, die Dauermerkelsendung.