So wie wir unser Handgepäck ins Overheadcompartment der Billigflieger stopfen, pressen wir viel zu viel in unser Leben. Und dann stresst uns alles kolossal.

Dieser Text war als Blitzvortrag Teil des Z2X-Festivals in Berlin.

Vor ein paar Monaten war ich auf einem dieser frühen 6-Uhr-morgens-Flüge mit Ryanair. Um mich herum versuchten hektisch alle anderen Passagiere ihre überdimensionierten Handgepäckstücke in das Overheadcompartment zu stopfen.

Während ich auf die (wirklich uninspirierenden und schmerzhaft grellen) gelben Sitze von Ryanair guckte und Leute in ihrem Kampf mit dem Overheadcompartment beobachtete, fragte ich mich, warum wir uns das eigentlich antun. Warum kann man das eigentlich nicht geordneter und respektvoller machen? Warum muss man eigentlich auf Teufel komm raus direkt über seinem eigenen Sitz seine zwei Rucksäcke verstauen, wenn man perverse 14 € für einen Flug ausgibt?

Alles ganz schlecht für meinen CO2-Fußabdruck, aber eben alles auch ganz schön normal für unsere Generation.

Trotz Müdigkeit saß ich damals in besagtem Flugzeug und habe mich über mich selber geärgert: Ich gehörte selbstverständlich auch zu den Nutznießern des Overheadcompartments, mein Rucksack war vollgepackt, ich flog noch schnell nach London, um jemanden zu besuchen, und von dort nach Oslo, Kommilitonen treffen, um dann in Trondheim an einem Seminar teilzunehmen. Alles ganz schlecht für meinen CO2-Fußabdruck, aber eben alles auch ganz schön normal für unsere Generation.

Aus freien Stücken entscheiden wir uns dazu, nur Handgepäck zu nehmen, aber dann stresst es uns alle kolossal. Abstrakter gedacht steht das Overheadcompartment für ein Phänomen unserer Generation, unser Gehirn und unser Leben, in das wir immer mehr reinpressen.

Mit 19 habe ich im ersten Semester Matheklausuren im Nullkommanix gelöst, konnte irgendwelche Eigenvektoren von Matrizen im Schlaf errechnen. Sieben Semester später habe ich dieses Overheadcompartment (mein Gehirn) mit so viel anderen Sachen füllen müssen, dass ich heute auf die Aufgabe gucke, und keinen blassen Schimmer mehr habe. Aber was heißt es dann überhaupt noch, damals gute Noten gehabt zu haben? Warum ist dann ein Notendurchschnitt so verdammt wichtig? Darf ich mich nicht eher über ganz viele andere Sachen auszeichnen?

Sorry, Papa, ich brauche übrigens doch zwei Semester länger als Regelstudienzeit, weil Zeit.

Aber da liegt das nächste Problem. Wir wollen immer noch mehr machen, mehr mitnehmen im Overheadcompartment: das fünfte digitale Zeitungsabonnement (ich zumindest schaffe nicht mal die wöchentliche ZEIT-Ausgabe, aber abbestellen will ich sie trotzdem nicht), die neueste Folge Games of Thrones schauen, John Oliver und Jan Böhmermann nicht verpassen, fest&flauschig am Sonntag muss drin sein, die arte Dokus sind aber auch immer ziemlich gut. Und sowieso, bei jedem Projekt, was man hier kennenlernt, will man eh dabei sein. Wer hat eigentlich noch kein Auslandssemester gemacht und wer engagiert sich nicht irgendwie noch freiwillig? Sorry, Papa, ich brauche übrigens doch zwei Semester länger als Regelstudienzeit, weil Zeit.

Alles wollen wir mitnehmen, aber gleichzeitig möglichst mobil bleiben und nicht zu viele Verpflichtungen eingehen. Also bleiben wir beim Handgepäck, statt beim Koffer. Aber was davon machen wir am Ende eigentlich noch richtig, mit hundert Prozent unserer Aufmerksamkeit und wovon haben wir als Individuum etwas? Wir verdrängen immer mehr, wir pressen alles in dieses temporäre Overheadcompartment des menschlichen Seins, und vernachlässigen dabei, unser eigentliches Gepäck mitzunehmen. Wir merken nicht mehr, wann es vielleicht fast eher schädlich ist, sich bei noch etwas anzumelden. Stattdessen sollten wir uns mit dem Antrieb des großen Ganzen beschäftigen: das Flugzeug fliegt nämlich immer noch mit Kerosin, und eigentlich wollen wir doch nachhaltig sein.

Wir sind wider vieler Klischees eine ganz schön aktive Generation.

Warum ich das alles erzählen will? Einmal, um rauszufinden, wem es auch so geht. Und um zu sagen: Lasst uns auf dem Boden bleiben. Wir sind wider vieler Klischees eine ganz schön aktive Generation, finde ich, voller Ideen und Tatendrang. Wir müssten uns nur mal richtig ordnen und überlegen, und die Informationen im Overheadcompartment richtig filtern. Wir können auch mal einen oder zwei Tage verlieren. Wir haben so viel zu tun und nur 24 Stunden, wir sollten weiter so ehrgeizig sein, aber wenn es mal nicht klappt, lasst uns mal nicht vergessen, dass wir erst 2X Jahre alt sind!

Lasst uns mal lieber das Deutschlandticket der Bahn nehmen, als aus Zeitmangel das Flugzeug. Lasst uns sonntags die eine Stunde in der Bibliothek aufgeben, um stattdessen den Pulse of Europe zu unterstützen. Lasst uns ein Projekt aussuchen und da Vollgas geben, aber auch akzeptieren, dass eine Person nicht alles machen kann. Lasst uns mal diesen Generation-Y-Druck ignorieren und beweisen, dass wir uns Gedanken machen, dass wir Alternativen finden wollen, dass wir nicht an das erste Sabbatical denken, weil wir faul sind, sondern weil wir gelernt haben. Weil wir unser Overheadcompartment auch mal aufräumen müssen und Gepäck einsammeln wollen.