Rationale Argumente entscheiden? Nicht unbedingt. Sieben Experten erklären, warum Wähler attraktive Kandidaten bevorzugen und eh das Gleiche wählen wie ihre Eltern.

Nur noch ein paar Tage bis zur Bundestagswahl und immer noch kein Parteiprogramm gelesen? Erst einmal tief durchatmen. Und sich dann von der Illusion verabschieden, die Wahlentscheidung fiele rein rational. Wir haben Forscher gefragt, welche Faktoren das Kreuzchen beeinflussen – und welche überschätzt sind. 

1. Der Schönheitsfaktor

Kürzlich fragten die Jungen Liberalen Baden-Württemberg, wen ihre Facebookfans "am knuffigsten" fänden: den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, Kanadas Premierminister Justin Trudeau oder Christian Lindner, FDP-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl. Gemeinsam hätten sie "#jung, #liberal" und "#gutaussehend" zu sein.

ZEIT Campus ONLINE: Herr Rosar, haben schöne Kandidaten wirklich die besseren Chancen? 

Ulrich Rosar: Ja, oft. Gerade, wenn der Wahlausgang sehr knapp ist, kann die Attraktivität von Kandidaten wahlentscheidend sein. Das Aussehen ist natürlich nur ein Faktor von vielen, die unsere Entscheidung beeinflussen. Er gewinnt aber an Bedeutung, weil die langfristige Bindung von Wählern an eine Partei abnimmt. 

Attraktivität ist außerdem umso wichtiger, je weniger Informationen wir haben – und in der Politik herrscht eine große Informationsunsicherheit: Werden die Wahlversprechen umgesetzt? Können sie überhaupt umgesetzt werden? Hinzu kommt, dass viele Menschen gar nicht aktiv auf Informationssuche gehen, sondern beim Zeitunglesen eher nebenbei über politische Informationen stolpern.

Die Attraktivität eines Gegenübers ist dagegen leicht zu beurteilen, und der Prozess, der bei uns abläuft, ist immer der Gleiche: Er beginnt mit einem sogenannten Attraktivitätskonsens. Wir sind uns ziemlich einig darin, dass George Clooney gut aussieht und der vor einigen Jahren verstorbene Dirk Bach eher nicht.

Wir relativieren ihre Fehler und behandeln gutaussehende Personen besser.
Ulrich Rosar

Die Entscheidung, ob ein Mensch gut aussieht oder nicht, fällen wir in Sekundenbruchteilen, schneller als das erste Muskelzucken eines Sportlers nach dem Startschuss, wie der amerikanische Wissenschaftler Alexander Todorov gemessen hat. Diese Bewertung löst eine Reihe von Folgemechanismen aus, wie etwa den Halo-Effekt: Finden wir eine Person attraktiv, halten wir sie auch für intelligent, fleißig oder kreativ. Schönen Menschen schenken wir mehr Aufmerksamkeit. Und wir erinnern uns besser an das, was sie sagen oder tun. Wir relativieren ihre Fehler und behandeln gutaussehende Personen besser, indem wir ihnen zum Beispiel in der Fußgängerzone eher ausweichen oder im Fahrstuhl mehr Platz lassen.

Unsere Forschung hat gezeigt, dass uns die Attraktivität von Mitmenschen nicht nur im Alltag beeinflusst, sondern auch in der Wahlkabine. Wer bis zuletzt in seiner Entscheidung schwankt, wählt im Zweifel dann eher den besser aussehenden Kandidaten. Deswegen ist das Aussehen auch für Frau Merkel wichtig, obwohl die meisten sie wohl nicht als besonders attraktiv einstufen würden. Ihr Erscheinungsbild wurde in den letzten Jahren vorsichtig und behutsam verbessert. Außerdem ist es schon ein Wettbewerbsvorteil, einfach nur besser auszusehen als die Konkurrenz: Unter den Blinden ist der Einäugige König.