Der eine glaubt an die SPD als Partei der Migranten, der andere wählte mal aus Protest NPD. Junge Deutschtürken über ihre Wahlentscheidung und den Einfluss von Erdoğan

SPD sollen sie nicht wählen, CDU und Grüne auch nicht. Das empfiehlt der türkische Präsident Erdoğan den Deutschtürken vor der Bundestagswahl. Nur: Was dann? Und hat dieser Aufruf überhaupt Wirkung?

Eigentlich gelten Deutschtürken als SPD-Wähler. Als Arbeiterpartei sprach sie die Gastarbeiter der ersten Generation an und machte den Nachzug von Familienmitgliedern und die doppelte Staatsbürgerschaft zu ihren Themen.

Wir haben die junge Generation gefragt, die etwa ein Drittel der rund 751.000 türkischstämmigen Wähler ausmacht. Sie hat die Gastarbeiterära längst hinter sich gelassen. Viele junge Deutschtürken sind hier aufgewachsen, haben einen deutschen Schulabschluss, studieren hier oder machen eine Ausbildung. Kann die SPD bei ihnen ihre Beliebtheit halten oder verlieren die Sozialdemokraten Stimmen an Grüne, Linke oder gar die konservative CDU?  Und wovon macht diese Generation ihre Entscheidung abhängig?

Fünf Antworten

Burak Aydin, 25, Jura Student in Hamburg, unentschlossen, ob er wählen geht:

Meine Eltern sind in den späten Achtzigerjahren als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Mein Vater wählt schon immer die SPD, allerdings ohne sich jemals ernsthaft mit dem Wahlprogramm zu beschäftigen. Ich glaube, das hat sich in seiner Jugend eingebrannt, weil die SPD Pro-Gastarbeiter und Pro-Türkeistämmige war. Dieses Thema war damals einfach aktuell und die SPD hat das natürlich für sich genutzt. Ich sage nicht, dass sie das heute nicht mehr tut, aber der Trend hat sich doch ein bisschen verändert. Heute ist es für die Wähler wichtig, wie man zum Islam steht, wie die Einstellung zu Flüchtlingen ist und welchen Stellenwert die innere Sicherheit einnimmt.    

Für mich ist Deutschlands Außenpolitik wichtig. Und ich will mich als Deutscher, als 25-jähriger Student und Jurist von den Parteien gut vertreten fühlen. Daher bin ich auch diesmal zwiegespalten, ob ich zur Wahl gehe. Mein Vater hat mich mit 18 zur Wahl geschleppt und mich quasi gezwungen zu wählen. Ganz demonstrativ habe ich damals die NPD gewählt, nur um zu verdeutlichen, dass meine Wahl keine Auswirkungen hat. Das war natürlich provokativ und das habe ich auch nur einmal gemacht. Aber ich bin der Ansicht, dass in Deutschland Politik immer hinter verschlossenen Türen gemacht wird und es keine klare Positionierung gibt.

Die Linken sind halt so links.

Ich finde den Martin Schulz sympathisch. Er gibt mir das Gefühl, dass er durchgreifen kann, aber er gibt mir eben auch nur das Gefühl. Vor Kurzem habe ich einen alternativen Wahl-O-Maten ausprobiert und der hat mir bestätigt, was ich befürchtet habe. Er hat mir gesagt, ich solle die Linken wählen. Für mich hatten die Linken immer ein sehr vertretbares Wahlprogramm. Aber wie das mit den Linken eben so ist, sie sind halt so links.

Ich höre von ganz vielen Menschen: "Ja der Gysi ist ein super Typ, sehr sympathisch, sehr gebildet, gut informiert. Ihr Wahlprogramm ist auch super, aber nee, kann ich nicht wählen, ist links und ich bin nicht links." Die Menschen lassen sich halt immer von ihren Stereotypen und ihren Gefühlen leiten, anstatt mal auf sachliche Fakten zu gucken.   

In der Türkei fahren mittlerweile mehr Luxusautos als in Deutschland.

Die Türkeipolitik spielt bei meiner Wahlentscheidung keine Rolle. Trotzdem informiere ich mich natürlich. Erdoğan hat mit Sicherheit ein paar gute Sachen gemacht in der Türkei, zum Beispiel die Infrastruktur erheblich ausgebaut. Ich habe das Gefühl, dass es den Menschen dort besser geht. Da fahren mittlerweile mehr Luxusautos rum als hier in Deutschland. Trotzdem frage ich mich zu welchem Preis?

Ich finde die guten Sachen, die er tut, können die Schlechten niemals aufwiegen. Darunter fallen die Unterdrückung der Presse sowie die Unterdrückung der Menschen in Ostanatolien, in den Kurdengebieten. Die Menschen kommen da nicht mehr an Medikamente ran, das ist grausam. Außerdem bin ich absolut dagegen, dass er den Glauben ausnutzt. Er macht das Volk, das sehr gläubig ist, durch den Glauben zu einem Instrument für seine Zwecke, obwohl das mit dem Islam sehr wenig zu tun hat.

Was ich nicht verstehe, ist dass Menschen, die hier in Deutschland absolut links sind und bei der kleinsten Kritik jeden Deutschen als Rassisten beschimpfen, in der Türkei absolut rechts und gegen Kurden sind. Jeder Türke, der hier sagt, nein ich bin Türke, ich bin kein Deutscher und auf seine türkische Herkunft besteht, spricht dieses Recht niemals einem Kurden in der Türkei zu. Ich kann es den Menschen aber auch nicht ganz verübeln, weil ich glaube, dass das mit der staatlichen Indoktrination in der Türkei zusammenhängt.

Dass die Türken über allem stehen, wurde praktisch über Generationen eingetrichtert. Meine Eltern haben mir erzählt, dass sie jeden Morgen in der Schule die türkische Hymne singen mussten, und wenn sie nicht gesungen haben, gab es auch mal was auf die Finger. Sie mussten außerdem das ganze Leben von Atatürk auswendig können. So ist das in der Türkei. Entweder du bist Pro-Türkei oder ein Terrorist.    

Politik und Religion spielten auch bei uns zu Hause nie eine große Rolle, allerdings haben meine Eltern immer versucht, mich von politischen Extremen fernzuhalten. Ich kann mich zum Beispiel daran erinnern, dass ich als Kind einmal das Zeichen der Grauen Wölfe gemacht habe, einer rechtsextremen Partei in der Türkei. Ich habe das damals wohl auf einer Hochzeit gesehen, bei der das einige Menschen gemacht haben. Man vereint praktisch den Daumen mit dem Ring- und dem Mittelfinger und spreizt den Zeigefinger und den kleinen Finger ab. Das sieht dann aus wie ein Wolf und ich fand es damals cool. Mein Vater hat mich sofort ermahnt: "Mach dieses Zeichen nie wieder, das ist kein schönes Zeichen!"

*Anmerkung der Redaktion: Die letzten drei Abschnitte waren zunächst versehentlich der falschen Person zugeordnet.