Wer jung, politisch und trendy ist, gründet eine Partei oder schreibt ein Manifest für Frieden und Gerechtigkeit. Dieser Politkitsch lässt die Demokratie verkümmern.

Bitte alle mal die Hand hoch, die für Frieden sind. Hand oben? Gut. Jetzt: Gerechtigkeit. Immer noch oben? Super. Für Bildung? Toll! Dann jetzt schnell das Manifest der Stunde unterschreiben. Es kommt von der Generationen Stiftung und heißt "Generationen Manifest". Die will, Achtung, einen "entschlossenen und optimistischen Aufbruch wagen". Es geht um das Übliche: Die alten Leute schaffen Probleme, die ihre eigenen Kinder und Enkel lösen müssen. Weil das so nicht weitergehen soll, schreibt man ein Manifest ins Internet und sammelt Unterschriften. Wofür? Na, unter anderem: "Wir fordern: Frieden", "Bildung" und – ja, da wird sich auch mal aus dem Fenster gelehnt – "Gerechtigkeit". Gut, drei, vier Sätze hängen immer noch mal dran an den Forderungen, für mehr hat man ja auch keine Zeit online, das muss schnell gehen; wo kann ich unterschreiben?

Das Manifesteschreiben ist die Lieblingspose der Feelgood-Demokraten. Es ist der textgewordene Blick in die Abendsonne mit winddurchwuscheltem Haar und resolutem Blick nach dem Motto: Es wird schwierig, aber gemeinsam kriegen wir das hin. Es ist Politkitsch.

Politkitsch, den 2013 mehr als 100.000 Menschen unterschrieben haben. Damals ging das Manifest das erste Mal online. Jetzt wurde es leicht angepasst und wieder zum Abfeiern freigegeben. Leider fehlt dem Generationen Manifest nicht nur ein Bindestrich, sondern auch Substanz. Die Forderungen sind so abnickens- und einnickenswert, es wundert ein wenig, dass weder Angela Merkel noch Martin Schulz unter den Erstunterzeichnern sind.

Feelgood-Forderungen, denen jeder zustimmen kann

Und das "Generationen Manifest" ist nicht das einzige Pathosflaggschiff dieses Wahlkampfs: "Demokratie in Bewegung", "Unsere Zukunft", "Die Urbane" oder das "Bündnis Grundeinkommen". Das neue Ding vieler junger politischer Menschen dieses Wahlkampfs ist, sich statt in behäbigen Parteien zu organisieren, lieber einer Bewegung beizutreten oder eine Facebookseite zu gründen und ein Manifest zu schreiben, dass es so nicht weitergehen kann. Es folgen aufregende Berichte, Endlich-macht-mal-einer-was-Stimmung, vielleicht wird noch ein T-Shirt gedruckt.

Die Wir-fordern-X-Fraktion hat viele Namen und meist mindestens ein junges Gesicht, das sie in Talkshows mit dem besagten resoluten Blick verteidigt. Und auf Twitter werden Bilder vom Wahl-O-Mat geteilt, wo ihre Projekte bei der prozentualen Zustimmung ganz weit oben stehen, weil ihren Feelgood-Forderungen jeder zustimmen kann.

Wenn über sie berichtet wird, heißt es, dass sie "zum Nachdenken anregen" und "eine Debatte anstoßen" wollen. Danke, aber nachdenken kann ich schon; und "Debatten anstoßen" ist ein Euphemismus für "Wir haben sonst nix erreicht". Die Wahl gewinnt derweil die CDU, koaliert mit der SPD, FDP oder den Grünen und Angela Merkel macht vier weitere Jahre, was sie für richtig hält. Die mutigen, querdenkenden Einmischerprojekte stehen dann nur noch im Lebenslauf, wo sie zur Rampe für interessierte Nachfragen irgendwelcher Personalabteilungsmitarbeiter werden. Toll, wie Sie sich da engagiert haben! Toll. Toll. Toll.

Es wäre nun ziemlich einfach, diesen Manifesteschreibern und Splitterparteilern vorzuwerfen, dass ihre Forderungen platt sind und ihr Engagement zwar ehrenwert, aber sinnlos ist. Das ist aber nicht das Problem. Das Problem ist, dass sie die politische Debatte verkümmern lassen.

Wenn Rentner auf Kosten der kommenden Generationen vor Altersarmut bewahrt werden, wer klagt dann, um Mama die Rente zu kürzen?

Denn anstatt wie das Generationen Manifest ein "gerechtes Steuersystem" und "faire Vermögens-, Erbschafts- und Finanztransaktionssteuern" zu fordern, wäre es wichtiger anzuerkennen, dass Begriffe wie "fair" und "gerecht" umkämpft sind. Die Initiative will auch Generationengerechtigkeit ins Grundgesetz schreiben, also die Verpflichtung, dass die heutige Generation nicht auf Kosten der kommenden leben soll. Damit man Generationengerechtigkeit einklagen kann. Kann man natürlich machen. Aber: Wenn Rentner auf Kosten der kommenden Generationen vor Altersarmut bewahrt werden, wer klagt dann, um Mama die Rente zu kürzen?

Frieden in Syrien? Dafür! Okay, und weiter? Soll Deutschland Bashar al-Assad wegbomben? Oder ist es besser, dass Deutschland die Kurden mit Waffen beliefert? Ach nee, Deutschland soll ja am besten keine Waffen exportieren. Und die Bundeswehr eigentlich komplett abgeschafft werden. Aber was wird dann aus Assad? Hm. Na ja, Hauptsache für Frieden unterschrieben.