Meine Eltern haben fünf Kinder, bekommen Hartz IV und gehen nicht zur Wahl. Ich war die beste Abiturientin meines Jahrgangs und wähle. Ich verstehe sie trotzdem.

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Dass mein Blick auf die Welt ein bisschen anders ist, habe ich zum ersten Mal gemerkt, als ich in der achten Klasse war. Wir hatten Politikunterricht und sollten eine Tabelle machen, mit zwei Spalten. In die linke Spalte sollten wir Sachen schreiben, die wir brauchen. Also Essen, eine Wohnung und so weiter. Und in die rechte Spalte Sachen, die wir gerne hätten oder uns wünschen – zu Weihnachten oder zum Geburtstag oder so. Ich habe in die "Brauchen"-Spalte neben Essen und Wohnung geschrieben: "neue Schuhe". Und ich erinnere mich ziemlich genau daran, wie meine Lehrerin mir erklärt hat, dass das falsch war.

Neue Schuhe braucht man nicht, hat sie mir gesagt. Man will sie, weil man eben eigentlich ein paar zur Auswahl hat. Typisch Mädchen, haha. Aber ich meinte das ernst, mit den Schuhen, weil ich wirklich welche gebraucht hätte. Ohne Spaß. Natürlich war ich nicht barfuß in der Schule, aber es war Herbst und meine Schuhe hatten Löcher. Nur, es war Ende des Monats und gerade kein Geld dafür da, neue zu kaufen. Aber anstatt meiner Lehrerin das zu erklären, habe ich die Zeile durchgestrichen. Ich wollte nicht auffallen.

Meine Eltern leben von Hartz IV und ich habe vier Geschwister.
Anna Mayr

Meine Eltern leben von Hartz IV und ich habe vier Geschwister. Ich bin in einer Plattenbausiedlung im Ruhrgebiet aufgewachsen, in meiner Grundschulklasse haben nur 6 von 23 Kindern zu Hause Deutsch gesprochen. Und um das Klischee perfekt zu machen: Meine Eltern gehen auch nicht wählen.

Warum, wieso, weshalb, dazu später mehr. Erst mal, und das weiß ich, klingt das alles voll nach einer Assi-Familie. Aber das passt nicht zu uns. Ich war die beste Abiturientin meines Jahrgangs, habe mich sozial engagiert, ein Stipendium bekommen und all solche Sachen, die gut auf dem Lebenslauf aussehen. Mein kleiner Bruder war auf einem Internat für Hochbegabte. Jetzt studiert er Physik. Eigentlich sind meine Geschwister und ich kleine Streber. Wir haben Ziele, wir wollen irgendwas werden.

Wir wollen dazugehören, mitspielen, und nicht wie unsere Eltern außen vor bleiben. Deshalb ist es mir auch wichtig, wählen zu gehen. Eine Stimme abzugeben, für irgendeine Partei, auch wenn ich natürlich kein einziges Wahlprogramm komplett unterschreiben würde. Ich finde Gentechnik okay, kann mir aber trotzdem vorstellen, grün zu wählen. Ich halte nichts von Christian Lindner, aber eine liberale Partei im Bundestag, das wäre schon mal wieder gut. Also gehe ich halt hin und kreuze irgendwas an, das halbwegs okay ist. Ich kann aber auch nachvollziehen, dass Leute gar nicht wählen gehen. So wie meine Eltern.

Ich war die beste Abiturientin meines Jahrgangs, habe mich sozial engagiert und ein Stipendium bekommen und all solche Sachen, die gut auf dem Lebenslauf aussehen. Mein kleiner Bruder war an einem Internat für Hochbegabte.
Anna Mayr

Ich werde oft gefragt, wie meine Eltern denn in so eine Situation kommen konnten, also in Langzeitarbeitslosigkeit mit fünf Kindern. Ja, und ehrlich gesagt, finde ich die Frage blöd. Weil die Abwertung schon drinsteckt. Und weil sie mir zeigt, dass der, der die Frage stellt, etwas nicht verstanden hat: dass man Menschen nicht in Erfolgreiche und Versager einteilen kann. Weil Lebenswege oft das Ergebnis von Zufällen und Entscheidungen sind. Und über die Entscheidungen kann niemand richten, der sie nicht selbst getroffen hat.

Deshalb antworte ich den Leuten in der Regel so: Papa hat eine Ausbildung zum Tischler gemacht und danach keinen Job gefunden. Mama war früher Punk. Sie hat sich eine Glatze rasiert, Spülmittel in Brunnen gekippt, Häuser besetzt, auf der Straße geschlafen und sich ein Tattoo stechen lassen. Sie hat Abi gemacht und Philosophie studiert. Als ich so drei, vier Jahre alt war, hat sie mir abends zum Einschlafen immer ihre Seminararbeiten vorgelesen. Dann wurde ich sechs, mein Bruder wurde geboren und ich glaube, dann war es so eine Spirale: keine Erfahrung, keine Anerkennung, kein Selbstbewusstsein, kein Mut. So ist meine Mutter langzeitarbeitslos geworden. Ganz einfach. Ohne dumm zu sein oder asozial.