Soll Katalonien unabhängig werden? Eine Befürworterin will endlich nicht mehr unterdrückt werden, ein Gegner sagt: Ihr seid doch Populisten.

Dafür oder dagegen – diese Frage beschäftigt ganz Katalonien und entzweit die Gesellschaft. Warum eigentlich wollen so viele Katalanen in Zeiten der Globalisierung und der EU einen eigenen Staat gründen? Die katalanische Regionalregierung in Barcelona will den Volksentscheid über die Unabhängigkeit von Spanien am Sonntag gegen den Willen der Zentralregierung und ungeachtet eines Verbots des spanischen Verfassungsgerichts abhalten. Wir haben zwei junge Katalanen gefragt, warum sie für oder gegen die Unabhängigkeit sind.

PRO – Cristina, 26, Studentin

Stellt euch vor, ihr führt eine Beziehung und wohnt mit eurem Partner in einer gemeinsamen Wohnung. Eine Seite wünscht sich mehr Freiraum, den sie in der Beziehung aber nicht bekommt. Dann würdet ihr doch ausziehen, oder? Ich wünsche mir deshalb, dass wir Katalanen frei über unsere Zukunft entscheiden können.

Viele Beobachter behaupten, beim Kampf für die Unabhängigkeit Kataloniens gehe es vor allem um die besonders starke Wirtschaftsleistung der Region innerhalb Spaniens. Sie sagen, dass die Katalanen den Süden des Landes durchfüttern müssten. Für mich hat das Argument kaum Gewicht, denn ich bin für die Solidarität zwischen den Regionen. Trotzdem werde ich am 1. Oktober für die Unabhängigkeit stimmen. Es geht mir um die Wurzeln meiner Identität und das Ende eines sehr alten Konflikts: Katalonien war früher unabhängig – bis Barcelona am 11. September 1714 im Spanischen Erbfolgekrieg vom Militär der Kastilier und der Bourbonen eingenommen wurde. Die katalanische Sprache wurde verboten, Universitäten wurden geschlossen und Institutionen entmachtet. Bis heute feiern wir am 11. September den katalanischen Nationalfeiertag in Gedenken an die Freiheit unseres Landes.

Ich bin mit katalanischen Kinderliedern aufgewachsen, spreche mit meinen Freunden nur katalanisch.
Cristina

Natürlich kann man nun fragen: Warum kämpft ihr für etwas, das ihr vor mehr als 300 Jahren verloren habt? Die katalanische Kultur unterscheidet sich bis heute vom übrigen Spanien: Statt Paella essen wir Fideuà, zu Weihnachten kommt der Caga Tió und nicht der Weihnachtsmann. Ich bin mit katalanischen Kinderliedern aufgewachsen, spreche mit meinen Freunden nur katalanisch, habe später Übersetzen studiert. Die katalanische Sprache und die damit verbundenen Traditionen sind ein wichtiger Teil meiner Identität. Doch vom spanischen Staat wurde sie immer wieder unterdrückt.

Ich glaube, dass die katalanische Unabhängigkeitsbewegung eine Folge der spanischen Politik der Unterdrückung und Bevormundung innerhalb der letzten 300 Jahre ist: Erst nach der Franco-Diktatur durfte auf den Straßen wieder katalanisch gesprochen werden. Ein Autonomiestatut für Katalonien wurde mühsam ausgehandelt. Doch es war immer ein politischer Kampf: 2005 haben wir für mehr Autonomie innerhalb des spanischen Staates gekämpft, aber unsere Bemühungen wurden niedergeschmettert. Ein mit Madrid vereinbartes neues Autonomiestatut wurde nach nur fünf Jahren wieder aberkannt.

Madrid hat sich wenig verhandlungsbereit gezeigt, keinen Kompromissvorschlag gemacht. Der Wille der Katalanen wurde antidemokratisch unterdrückt, die Spannungen nahmen weiter zu. Ich glaube, das war der Startschuss für die Unabhängigkeitsbewegung. Erst dann sind die Menschen für die Abspaltung Kataloniens auf die Straße gegangen.

Katalonien
Proteste gegen Durchsuchungen
Die spanische Polizei hat ein privates Postunternehmen in Katalonien durchsucht. Die Polizisten suchten nach Wahlunterlagen und Stimmzetteln für das Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien.

Ich selbst habe nie an Demonstrationen teilgenommen. Ich wünsche mir eine demokratische Abstimmung statt aufgeheizter Rebellion. Es macht mich wütend, dass Madrid seit Jahren den Dialog verweigert und gleichzeitig nur ein einziges Argument gegen das Referendum vorbringt: Es sei nicht mit der spanischen Verfassung vereinbar. Diese sture und wenig selbstkritische Haltung zeigt, dass Madrid die Besonderheiten der katalanischen Gesellschaft nicht anerkennt. Katalonien ist nicht Spanien, wir haben eine eigene Sprache, die Teil unserer Identität ist.

Außenstehenden mag unser Wunsch nach Unabhängigkeit anachronistisch und vielleicht sogar nationalistisch erscheinen. Doch für mich hat das wenig mit Nationalstolz zu tun. Wenn die Autonomie die letzte und einzige Möglichkeit ist, sich von der ewig postdiktatorischen und bevormundenden Politik Spaniens abzutrennen, dann bin ich dafür.