Aber erzählt nichts von Mut. Denn alles, was die AfD tut, ist Ängste schüren. Deshalb muss den ängstlichen Wählern geholfen werden, und da hilft nur eins: Konfrontation.

Dieser Text war als Blitzvortrag Teil des Z2X-Festivals in Berlin.

Ich möchte heute über Sex reden. Aber nicht hier. Und nicht mit euch, ich kenne euch ja gar nicht. Außerdem finde ich, dass euch mein Sexleben gar nichts angeht. Und mir wäre das peinlich, davor hätte ich Angst. Ich habe übrigens ständig Angst. Angst vor langen Flügen, Angst davor, jemand zur Begrüßung zu umarmen und der steckt nur die Hand aus, Angst vor euren Tweets zu dieser Rede.

Und ihr habt auch alle Angst, denn sonst wären sämtliche Bento-Redakteure arbeitslos. Glaubt man dem Internet, sind wir alle introvertiert, haben alle Angst vor Gefühlen, vor Terror, vor Beziehungen, vor Fliesen, die unordentlich installiert sind, und selbst an den Unis betteln erwachsene Studenten um Safe Spaces.

Ich finde Ängste höchst uninteressant. Ich finde Ängste generell in ihrer Daseinsstruktur ermüdend ähnlich: Man hat da so ein schlechtes Gefühl, und dann erzählt man davon im Internet und dann schreiben Nutzer drunter, wie mutig man sei, dazu zu stehen.

Ängste werden auch oft gelobt, denn ohne Ängste würden wir ja alle von einem Zehn-Meter-Turm in einen Pool ohne Wasser springen. Das ist natürlich Unsinn, kein Mensch braucht Ängste, wenn er über einen Quadratzentimeter Vernunft verfügt. Die kleine Stimme, die einem sagt: Wenn du da runterspringst, kannst du das Stand-up-Paddling dieses Jahr vergessen. Oder was ihr junge Menschen so für Hobbys habt.

Viele Parteien richten sich nicht an die Vernunft der Wähler, sondern nur an die Angst.

Aber viele Parteien richten sich nicht an die Vernunft der Wähler, sondern nur an die Angst.

Die AfD zum Beispiel behauptet von sich, sich ganz besonders gut mit Ängsten auszukennen. Ihre Wähler nennen sie ja zu Recht nicht "Kämpfer des Guten und Gerechten auf der Welt", sondern "besorgte Bürger". Nun ist es so, dass man Ängsten nicht chancenlos ausgesetzt ist. Psychologisch gibt es eigentlich nur eine Methode, sich von Ängsten zu befreien: und zwar Bento-Artikel zu schreiben.

Z2X17
»Ich finde Ängste höchst uninteressant«
Ronja von Rönne spricht beim Z2X-Festival über Ängste, die sie ermüden und Ängste, die von der AfD genutzt werden. Der Blitzvortrag der Autorin im Video

Unsinn. Die einzige Methode, sich frei von Ängsten zu machen, ist die Konfrontation. Wer unter Klaustrophobie leidet, fährt am besten so lange U-Bahn, bis er jeden Witz der BVG-Kampagne kennt und sein Unbewusstes irgendwie geschnallt hat, dass öffentliche Verkehrsmittel zwar ein scheußliches, aber kein tödliches Umfeld sind.

Komisch eigentlich, dass gerade die Rechten immer gegen die hypersensiblen Bento-Linken hetzen, sich aber selbst einen deutschlandgroßen, abgezäunten Safe Space bauen möchten.

Wenn eine Partei damit angibt, sich den "Ängsten der Bevölkerung" zu widmen, ist das ja erst mal lobenswert. Wenn ein Deutscher ernsthaft Angst hat, dass jeder Immigrant mit Tötungswillen und Lkw-Führerschein nach Deutschland kommt, muss man sich darum kümmern. Psychologisch richtig wäre also Konfrontation: Man setze den armen besorgten Bürger mit einem Flüchtling an einen Tisch, serviere ihnen Tee, und lasse sie ihre Vorurteile durchbrechen. Niemand muss sich für seine Angst vor Terror und Fremden schämen, das meine ich ernst. Aber niemand muss deshalb gleich AfD wählen.

Denn das hier ist der Umgang der AfD mit der Angst: Vermeidung statt Konfrontation. Wenn einfach kein Flüchtling reinkommt, muss man keine Angst haben.

Eine ziemlich beschissene Scheintherapie, das wäre, als würde jemand zu seinem Psychiater sagen: Ich traue mich nicht mehr aus meiner Wohnung, und der Arzt würde mit freundlichem Gesicht vorschlagen: Dann bleiben Sie halt einfach drinnen hocken, bis Sie sterben.