Ist der Wahlausgang doch noch nicht so klar? Viele Wähler sind unentschlossen. Diese drei Studenten erklären, warum sie noch keine Entscheidung treffen konnten.

Ungewöhnlich viele Menschen scheinen sich in diesem Jahr nicht sicher zu sein, welche Partei sie wählen wollen. Im August war noch fast die Hälfte der Wähler unentschlossen, wie eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach für die Frankfurter Allgemeine Zeitung ergab. Einen vergleichbar hohen Wert habe es zu diesem Zeitpunkt vor der Wahl seit 20 Jahren nicht gegeben. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen außerdem, dass junge Wähler eine besonders geringe Parteibindung haben. Drei von ihnen erklären deshalb kurz vor der Wahl, was die Entscheidung für sie so schwer macht:

"Wahlprogramme klingen wie Werbung"

Lara, 21 Jahre

Ein junger Mann öffnete mir die Wohnungstür. Kurz stellte er mich seinem Mitbewohner vor, der aber gerade eigentlich mit einer anderen Bewerberin skypte. Er zeigte mir Schlafzimmer und Bad, dann gingen wir in die Küche. Nachdem er mir ein Glas Wasser gereicht hatte, stellte ich mich vor. Nach ein paar Minuten fragte er mich, was ich bereits bei drei anderen Wohnungsbesichtigungen gefragt worden war: "Und, was wählst du?"

Ich so: "Äh, keine Ahnung?"

Das hatte ich bei allen anderen Castings auch gesagt und hielt das einerseits für klug. Eine falsche Antwort im Casting und der Hamburger Wohnungsmarkt sagt: "Sorry, heute gibt’s leider kein Zimmer für dich." Andererseits war es einfach die Wahrheit.

Ich will nicht CDU wählen, nur weil Merkel schon immer da war.

Ich bin 21 und ziehe bald nach Hamburg, um Politik zu studieren. Zum ersten Mal in meinem Leben darf ich am 24. September den Deutschen Bundestag wählen, doch für mich ist es eher ein Müssen. Ich bin nun gezwungen, mich für eine Partei zu entscheiden. Da bin ich in meinem Leben bisher ganz gut drum herumgekommen. Wie soll ich das jetzt machen?

Ich gehöre zur Generation Merkel. Ich kann mich dunkel daran erinnern, dass in meiner Kindheit Gerhard Schröder über den Tagesschau-Bildschirm flimmerte. Eine andere Kanzlerin als Merkel? Kann ich mir kaum vorstellen.

Doch ich will nicht CDU wählen, nur weil Merkel schon immer da war. Diesen Gedanken hatte ich beim TV-Duell oft. Merkel wirkte sympathischer und souveräner als Schulz. Doch dann fing ich an, darauf zu achten, was sie überhaupt sagt und welche Haltung ihre Partei vertritt. Auf einmal wurde mir klar: Das beruhigende Gefühl des gemütlich Vertrauten ist eine Falle. Dahinter verbergen sich knallharte Interessen, die darauf warten, durchgesetzt zu werden. Wie hatte Merkel noch mal bei der Ehe für alle abgestimmt? Geflüchtete sollen ins Bürgerkriegsland Afghanistan abgeschoben werden? Was wird bis auf ein paar mehr Euro Kindergeld gegen die massive soziale Ungleichheit getan?

Nein, CDU kann ich nicht wählen. Aber was dann? In meinem Praktikum, das ich gerade in einer journalistischen Redaktion absolviere, habe ich für eine Recherche alle Wahlprogramme der großen Parteien durchgelesen. Doch ich fühle mich genauso schlau wie vorher. Die meisten Programme sind wie Werbung: klingt alles super, bin dafür, will ich haben. Wer ist schon gegen Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit?

Vielleicht hilft der Wahl-O-Mat, dachte ich. Immerhin werden dort konkrete Forderungen verglichen. Das Problem: Auch der Wahl-O-Mat stützt sich auf die Wahlprogramme. Und wer weiß schon, ob die Parteien auch erfüllen werden, was sie versprechen?

Der Wahl-O-Mat findet, ich sollte Grün wählen
Lara

Was mir bei meiner Recherche aufgefallen ist: Der Klimawandel kam im Wahlkampf kaum vor. Gleichzeitig waren die Nachrichten voll mit Naturkatastrophen und Umweltskandalen: Dieselaffäre, Hurrikan Harvey, Irma. Da müsste man eigentlich Grün wählen, finde ich. Und das findet auch der Wahl-O-Mat. Aber ich komme aus Baden-Württemberg, wo die Grünen an der Macht sind. Die sind ein typisches Beispiel dafür, dass die besten Ideale und Lösungsansätze nichts bringen, wenn sie in der Regierung nicht umgesetzt werden. Viele Menschen machen sich über Winfried Kretschmanns Nähe zur Autoindustrie lustig. Ich finde sie traurig.

Ich weiß nicht weiter. Immerhin vernichtete die Unentschlossenheit nicht meine Chancen im Hamburger Wohnungsmarkt. Mittlerweile habe ich ein Zimmer bekommen.

"Soll ich taktisch wählen?"

Kevin, 19 Jahre

In Bielefeld habe ich mir einen Auftritt von Martin Schulz angeschaut. Immer lauter beschwörte er soziale Gerechtigkeit, gelobte, die Rente zu sichern, brüllte die AfD nieder und verfiel schließlich in ein monotones Kampfgeschrei gegen Angela Merkel. Die Menge war nicht beeindruckt: sitzen, zuhören, kurz klatschen, kurz Fahne schwenken, zuhören und ab nach Hause.

Schulz reist durch die Republik, gibt Interviews, stellt gefühlt jeden Tag ein neues Positionspapier vor – und kaum einen interessiert’s.

An meiner Uni läuft vieles schief.

Früher fand ich die Sozialdemokraten mal gut, so wie die meisten meiner Freunde. Aber da wohnte ich noch zu Hause, ging zur Schule und zum Sport und das war’s. Irgendwann fing ich an, mich für Politik zu interessieren und mir eine Meinung zu bilden.

An meiner Uni, an der ich Jura studiere, läuft vieles schief. Der Asta verschwendet die Gelder der Studenten. Die Linken könnten wenigstens zugeben, welche radikalen Kollektive sie bezuschussen, aber transparente Buchführung ist dem Asta so fern wie Martin Schulz die Kanzlerschaft. Wird also nie passieren. Was mich wütend macht: Das ist nicht das einzige Problem, gegen das nichts getan wird. Warum muss ich für meinen Bafög-Antrag im Jahr 2017 zig Formblätter per Hand ausfüllen, um dann fünf Monate lang auf meine Absage zu warten?

Ich finde die Liberale Hochschulgruppe gut. Die ist im Studierendenparlament und steht für mehr Transparenz und Bürokratieabbau. Über sie bin ich auf die FDP aufmerksam geworden. Ihre Forderung nach Studiengebühren, die man nachgelagert im Berufsleben zahlen muss, unterstütze ich. Man studiert ja, um später Geld zu verdienen. Dann kann man denen etwas zurückgeben, die einen dorthin gebracht haben. Und außerdem würden sich Langzeitstudenten gut überlegen, ob sie wirklich noch die vierte Geisteswissenschaft studieren wollen.