In der Schule lernen Jungs, dass Verhütung Frauensache ist. Ein Mann erzählt, wie er sich mit 30 selbst aufklärte.

"Wollen wir uns die Kosten für die Pille eigentlich mal teilen?", fragte Nils seine Freundin Isa eines Abends. Isa (Name geändert) war gerade 20 geworden, die Krankenkasse hatte aufgehört, für das hormonelle Verhütungsmittel zu bezahlen. Nils wollte zumindest anbieten, seine Freundin zu unterstützen. Doch weiter als "Ja, können wir dann mal schauen" kamen die beiden nicht. Das Fernsehprogramm an dem Abend war interessanter als ein Gespräch über die Pille. Außerdem war es für Nils und Isa schon lange selbstverständlich, dass in der Beziehung sie sich um Verhütung kümmerte. 

Warum hätte Verhütung mich interessieren sollen?
Nils

Isa war Nils' erste große Liebe. Er war 18, sie 16, als sie ein Paar wurden. Schon nach wenigen Wochen fing Isa an, die Pille zu nehmen. Sie hatte jetzt einen Freund, ein Reflex, keine große Sache. Hinterfragt haben das beide nicht. Überhaupt war Verhütung kein großes Thema. Schutz vor Krankheiten war nicht nötig, da sie ihr erstes Mal miteinander erlebten. 

Die Antibabypille war Normalität, alle Mädchen nahmen sie. In der Schule gehörte sie zum Alltag: Jeden Tag bimmelte oder brummte irgendwo ein Handy. Die Besitzerin kramte kurz in ihrer Tasche und schob sich verstohlen etwas in den Mund. Nils und seine Freunde wussten sofort: Okay, die ist jetzt also auch "auf Pille".  Zwischen 15 und 20 gab es in seinem Freundeskreis nicht ein Mädchen, das nicht die Pille nahm. Gedanken hat er sich darüber keine gemacht, die Wirkungsweise des hormonellen Verhütungsmittels war weder in Gesprächen mit den Mädchen noch mit anderen Jungs Thema. "Mich hat das damals nicht interessiert. Warum hätte es das auch tun sollen?", sagt Nils heute.

Hormonelle Empfängnisverhütung ist in Deutschland seit der Erfindung der Antibabypille in den Sechzigerjahren Frauensache. Schon Schülerinnen übernehmen häufig die alleinige Verantwortung dafür, eine Schwangerschaft zu verhindern. Das liegt zum einen daran, dass es bislang kein männliches Äquivalent für die Pille gibt. Doch zum anderen scheinen junge Männer wie Nils in der Pubertät beim Thema Schwangerschaftsverhütung zu lernen: Das ist Job der Mädchen. 

Nebenwirkungen und Stressfaktoren

Schätzungsweise sechs bis sieben Millionen Frauen in Deutschland nehmen die Antibabypille, damit steht sie an der Spitze aller Verhütungsmittel. Viele Nutzerinnen sind minderjährig: Laut des Pillenreport 2015 der Techniker Krankenkasse bekommt mehr als die Hälfte der jungen Frauen ab dem 17. Lebensjahr ein orales Kombinationskontrazeptivum verordnet. Mit den Folgen der Pille müssen sie alleine klarkommen. Die Liste der möglichen Nebenwirkungen ist lang: Zwischenblutungen, Gewichtszunahme, Kopfschmerzen, geringeres Lustempfinden, Thrombose-Gefahr, Depressionen. Auch die organisatorischen Lasten tragen sie meist allein: Sie müssen jeden Tag an die Einnahme denken, Anwendungsfehler vermeiden, neue Rezepte beim Arzt besorgen sowie die Tabletten in der Apotheke. Stressfaktoren, die Männer so nicht kennen.

Bei manchen Mädchen in Nils' Jahrgangsstufe wurde die Pille nicht nur als Verhütungsmittel verschrieben, sondern auch als Medikament: gegen Akne, Menstruationsschmerzen oder -unregelmäßigkeiten. Das bekam Nils am Rande mit. Manche seiner Mitschülerinnen hatten aufgrund der Pille ihre Tage gar nicht mehr, das wusste er. Auch dass die Haut schöner, die Haare voller und die Brüste größer werden konnten, war bei den Jungs bekannt. Doch darüber, was die Pille für die Frauen bedeutet, hat er sich keine Gedanken gemacht. 

Acht Jahre waren Nils und Isa ein Paar – und haben nie anders verhütet als mit der Pille. Alternativen standen nicht zur Debatte, sie hatten sich an die Pille gewöhnt. Wenn seine Freundin das Medikament mal vergessen hatte oder Antibiotika nehmen musste, hat sie Nils kurz informiert und die beiden stiegen für diese Zeiträume auf Kondome um. Doch das war selten. "Verhütung war für mich in dieser Zeit schlicht kein Thema", sagt Nils, der heute 31 Jahre alt ist.