Österreichs Jungwähler entscheiden sich laut Umfragen für konservative oder rechte Parteien. Was bei dieser Wahl aber anders ist, erklärt eine Politikwissenschaftlerin.

Die Jugend wählt links? Wenn am Sonntag in Österreich gewählt wird, haben die konservative ÖVP und die rechtspopulistische FPÖ bei den jungen Wählern gute Chancen, viele Stimmen zu erlangen. Das ergab zumindest eine Umfrage des Jugend Trend Monitors von Anfang Oktober. Demnach sind FPÖ und ÖVP bei den 14- bis 29-Jährigen mit jeweils rund 24 Prozent die stärksten Parteien.

Bereits im vergangenen Jahr hatten die Österreicher gewählt: In der Stichwahl um das Präsidentenamt unterlag der rechte FPÖ-Kandidat Norbert Hofer nur knapp dem Grünen Alexander van der Bellen. Mehr als die Hälfte der jungen Männer stimmten damals für Hofer.

Die Politikwissenschaftlerin Sylvia Kritzinger spricht im Interview mit ZEIT Campus ONLINE über die Wahlentscheidungen junger Österreicher und erklärt, warum es gerade bei dieser Wahl so schwierig ist, Prognosen zu treffen.     

ZEIT Campus ONLINE: Frau Kritzinger, bei der Bundespräsidentenwahl 2016 haben mehr als die Hälfte der Männer unter 30 Jahren den FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer gewählt, aber nur 31 Prozent der jungen Frauen. Was unterscheidet die jungen Männer von den Frauen?

Sylvia Kritzinger: Die Gründe sind durchaus vielfältig. Es ist unter anderem für Männer schwieriger geworden, sich auf dem Arbeitsmarkt durchzusetzen, fixe, gut bezahlte Anstellungen werden seltener. Das ändert natürlich auch die Stellung des Mannes im familiären oder gesellschaftlichen Gefüge. Vor allem schlecht ausgebildete, junge Männer gehören zu diesen sogenannten Globalisierungsverlierern, die sich von der Politik im Stich gelassen fühlen oder befürchten, es weniger gut als ihre Eltern zu haben. Diese Unsicherheiten werden dann zum Beispiel auf die Migration projiziert. Gerade die rechtspopulistischen Parteien greifen diese Themen auf und sind wohl auch deswegen bei dieser Gruppe besonders erfolgreich.

ZEIT Campus ONLINE: Wie wählen junge Frauen?

Kritzinger: Junge Frauen haben liberalere Ansichten. Seit den 1970er Jahren wählen sie hauptsächlich links, vorher konservativ. Vor allem die Grünen sind bei jungen Frauen sehr beliebt. Allerdings lässt sich von der Bundespräsidentenwahl nicht auf die Nationalratswahl schließen. Laut verschiedenen Umfragen hat es mittlerweile einen Angleich der Geschlechter gegeben, die FPÖ hat demnach genau so viel Zuspruch bei Männern wie bei Frauen.

ZEIT Campus ONLINE: Woran könnte das liegen?

Kritzinger: Ob es wirklich so kommt und vor allem warum, können wir erst nach der Wahl sagen. Wir haben in dieser Wahl sehr viele Faktoren, die es schwierig machen, vorherzusagen, wie die jungen Wählerinnen und Wähler stimmen werden. Es ist ein bisschen wie in eine Glaskugel zu schauen. Vor allem die Skandale und innerparteilichen Konflikte der letzten Wochen könnten junge Wähler abgeschreckt haben.

ZEIT Campus ONLINE: … zum Beispiel die Krise der Grünen ...

Kritzinger: Die könnte dazu führen, dass die fast schon als Regel anmutende "Junge Frauen wählen eher die Grünen" so nicht mehr fortgeschrieben werden kann. Der Wahlkampf in Österreich ist sehr spannend, weil viel passiert: die verschiedenen innerparteilichen Konflikte, die auch die Grünen betroffen haben, neue Bewegungen, die aus den Grünen entstanden sind (Liste Peter Pilz) und die Skandale der letzten zehn Tage. Wir können kaum noch sagen, wie sich was auf die Wahlentscheidungen auswirkt.

"Junge Wähler sind viel mobiler, orientieren sich von einer Wahl zur anderen neu."
Sylvia Kritzinger

ZEIT Campus ONLINE: Junge Wähler fühlen sich also eher abgeschreckt von den Turbulenzen als die Älteren?

Kritzinger: Ältere Wähler identifizieren sich generell stärker mit einer Partei, sind Stammwähler. Die jungen Wähler sind hingegen viel mobiler, orientieren sich von einer Wahl zur anderen neu. Hätten Sie mich vor zwei Wochen gefragt, hätte ich Ihnen gesagt, dass die Mobilisierung der Jungen bei dieser Wahl viel höher ist als vor vier Jahren. Wir nahmen an, dass die extrem lange und polarisierende Präsidentschaftswahl dazu hätte führen können. Aber mit dem Skandalen der letzten Tage bin ich mir nicht mehr so sicher. Erst das "Dirty Campaigning" der SPÖ gegen die ÖVP, dann die Bestechungsvorwürfe gegen die ÖVP von Seiten der SPÖ - das zeigt ein schreckliches Sittenbild der österreichischen Politik.