Der eine hält Trump für nicht radikal genug. Die andere dachte, sie hätte das kleinere Übel gewählt. Zwei junge Amerikaner bereuen ihre Wahl ein Jahr nach dem Trump-Sieg.

"Loser, warum hab ich dich gewählt?" "Hör auf zu Twittern und mach deinen Job." Das sind nur zwei von zahlreichen Posts bei Twitter unter dem Hashtag #TrumpRegrets. Dabei war die die Hoffnung der Trump-Wähler vor einem Jahr noch groß. Trump sollte in Washington aufräumen. Das "Establishment" stürzen! Nicht nur Republikaner und Unentschlossene gaben ihre Stimme Trump. Auch Anhänger des Demokraten Bernie Sanders, der kurz vor der Wahl seine Nominierung als Präsidentschaftskandidat verfehlte, stimmten für Trump. Unter jungen Wählern erhielt Trump immerhin 37 Prozent der Stimmen, kein schlechteres Ergebnis als der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney 2012 erhielt. Unter jungen weißen Wählern gewann er die Wahl sogar.

Umfragen zufolge haben die Umfragewerte des Präsidenten allerdings seit Januar 2017 stetig abgenommen. So sind nur noch knapp mehr als 40 Prozent zufrieden mit seinem Auftreten. Doch wie viele bereuen sogar tatsächlich, Trump gewählt zu haben? Das ist nicht so gut erfasst wie seine regelmäßig erhobenen approval ratings. Eine Umfrage von Reuters sieht den Anteil bei acht Prozent. Wir haben mit zwei jungen enttäuschten Trump-Wählern gesprochen, die tatsächlich so weit gehen würden, zu sagen: Ich bereue. Dem einen ist Trump nicht mehr hart genug, die andere wirft ihm vor, eine Dynastie aufzubauen.

"Trump lässt die Liberalen für sich arbeiten"

Leibish Earl Blumenfrucht, 22, aus New York, macht eine Rabbinerausbildung und ein Praktikum in einer Verkaufsfirma.

Wenn ich Trump heute gegenüberstehen würde, würde ich ihm in die Augen schauen und ihm alle Namen von Freunden und entfernten Verwandten nennen, die nicht mehr mit mir reden, weil ich ihn unterstützt habe. Ich würde ihm sagen, dass das einzige, was er hat, seine loyale Basis ist. Wenn er diese für selbstverständlich hält, sind seine Chancen, 2020 wiedergewählt zu werden, gleich null.

Aufgewachsen bin ich in Brooklyn, New York, in einem orthodox-jüdischem Elternhaus. Ich bin eines von fünf Kindern. Eigentlich war meine Familie nie sehr politisch, bis Donald Trump auf der Bildfläche erschien. Das endete nicht selten in einem kalten Krieg zwischen mir und dem Mann meiner Schwester, der absoluter Clinton-Befürworter ist. Bis auf meinen Schwager hat der Großteil meiner Familie aber am Wahltag den Hebel für Trump gezogen. Seine Worte, seine Reden und seine Tweets erinnerten mich an viele Abendessen, als mein verrückter Großvater erzählte, wie großartig Amerika doch einst gewesen sei und wie politische Korrektheit gemixt mit Multikultur dieses Land zerstört habe. Natürlich haben alle wild protestiert, aber tief im Inneren haben sie ihm zugestimmt.

"Trump wurde Teil des Sumpfes!"
Leibish Earl

Das ist es, was "Trumpism" ausmacht. Sagen, was im Grunde die Wahrheit und gleichzeitig politischer Sprengstoff ist.

Ich habe Trump vor einem Jahr in dem Glauben gewählt, dass er in Washington endlich aufräumt und die elitäre Bürokratenkultur beendet und stattdessen mit seinem Verhandlungsgeschick und seinem Geschäftssinn das Land wie ein Unternehmen führt. Doch das ist nicht geschehen. Im Gegenteil.

Eines der wichtigsten Wahlversprechen war, die Korruption in Washington zu beenden. Den Sumpf zu säubern. Aber anstatt das dreckige Wasser auszutauschen, hat sich Trump buchstäblich selber in den Pool gezogen. Er wurde Teil des Sumpfes! Er hat Leute eingestellt, die von Anfang an gegen ihn waren, hat seine Gegner in hohe Positionen gesetzt und zu seinen Beratern gemacht. Anstatt in Washington aufzuräumen, lässt er die Liberalen weiter für sich arbeiten. Schlussendlich hat er dann auch noch Steve Bannon, den einzig wirklichen Unterstützer von "America first", gefeuert.

"Trump hat sein einziges Druckmittel verloren."
Leibish Earl

Und ich bin buchstäblich in Tränen ausgebrochen, als ich hörte, dass Trump Daca (Deferred Action for Childhood Arrivals) aufgehoben hat. Daca schützt minderjährige Einwanderer vor der Abschiebung und ermöglicht ihnen, für zwei Jahre eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Das war für mich ein Verrat epischen Ausmaßes. Nicht, weil ich für Daca bin. Sondern weil Daca Teil eines geplanten Deals mit den Liberalen im Kongress sein sollte. Man wollte Daca beibehalten, dafür aber den sogenannten Raise Act einführen, der bisher im Congress wenig Zustimmung hatte. Mit dem Raise Act sollte vor allem ein Fonds für die geplante Mauer gegründet werden. 

Damit hat Trump also sein einziges Druckmittel verloren und die Gelegenheit verpasst, sein zentrales Wahlversprechen einzulösen, nämlich die so dringend benötigte Mauer zu bauen.

Den Präsidenten, den Amerika braucht, ist der Donald Trump im Wahlkampf. Jemand, der verspricht, dass Amerika an erster Stelle steht. Der sich für die arbeitende Mittelschicht einsetzt. Ich erinnere mich an einen Abend in Manhattan, als ich einem Straßenverkäufer über den Weg gelaufen bin, der kleine Wahlanstecker aller Kandidaten verkauft hat. Er sagte mir, dass Trump gewinnen würde, da Amerika einen "crazy motherfucker" brauche. Er war außerdem davon überzeugt, dass ein Milliardär, der sich um das einfache Volk wie ihn selbst kümmert, ein guter Präsident sei. Ich möchte dazu erwähnen, dass der Verkäufer Afroamerikaner war, wahrscheinlich einer von vier Afroamerikanern, die Trump gewählt haben.

Ich habe Trump auch unterstützt, weil er indirekt meiner Familie gezeigt hat, dass er ein extrem sorgsamer Mensch ist. Mein zwölfjähriger Bruder hat zu seiner Bar-Miz­wa an mehrere Politiker eine Einladung geschickt. Er traute seinen Augen kaum, als er kurz vor dem Fest einen Umschlag per Post erhielt. Darin war ein gerahmtes Bild von Donald Trump, der mit schwarzem Stift auf dem Foto sein Bedauern ausdrückte, dass er nicht persönlich erscheinen konnte und eine schöne Bar-Miz­wa wünschte. Nichtsdestotrotz muss Trump endlich anfangen, seine Wahlversprechen zu halten, also mit dem Bau der Mauer beginnen, schlechte Handelsabkommen, wie Nafta, lösen und sich für die amerikanische Mittelschicht starkmachen. Wenn er das tut, könnte er jemanden erschießen und seine Anhänger würden trotzdem mit Herzen in den Augen rumrennen, wenn sie nur den Namen Trump hören.