Werde ich Schmerzen haben? Werde ich noch reisen können? Kinder zeugen? Sex haben? In einem Ashram in Indien erfährt Philipp, dass er infiziert ist. Teil zwei der Serie

Die Nachricht vom Ende meines Lebens erreichte mich am 2. Januar 2014, in einem protzigen Ashram in Westindien.

Für eine aufwändige Recherche zu Menschenhandel in Indien hatte ich als Fotograf eine Razzia der Polizei im indischen Rotlichtviertel Mumbais begleitet. Ich war erschöpft von der Gewalt, der Luft und den Menschen und brauchte eine Pause. Also beschloss ich, in das ein paar Stunden entfernte Osho Ashram zu reisen, das westliche Meditationsideen mit sexuellen Anspielungen vermischt und zu überteuerten Preisen an reiche Westler verkauft. Alle redeten davon, ich wollte mir selbst ein Bild machen – und hasste es schon, bevor ich richtig drin war. In weinrote Roben umhüllte Yogis wandelten ins Nichts starrend durch die Marmorgänge.

Wäre da nicht die schöne Frau mit den rehbraunen Augen gewesen, ich wäre noch abgehauen, bevor mir überhaupt jemand die Ergebnisse des obligatorischen HIV-Tests hätte mitteilen können.

Sich testen zu lassen, war nicht neu für mich: Mein Vater war Arzt und so habe ich lange Zeit bei einer jährlichen Blutabnahme auch immer einen HIV-Tests gemacht. Als mein Vater starb, habe ich es irgendwann einfach sein gelassen. Ich gehörte keiner Risikogruppe an, HIV schien so weit weg von mir.

Das Gefühl, es geschafft zu haben

So war es auch dieses Mal, als ich aus dem Behandlungszimmer trat: HIV weit weg, die wunderschöne, persische Frau, langes glattes Haar, zuständig für die Registrierung der Gäste, ganz nah. An ihr wirkte die weinrote Robe nicht ganz so bescheuert. 

Ich liebte dieses Spiel, war süchtig danach, Frauen kennenzulernen: Von 19-jährigen Models über 50-jährige Galeriebesitzerinnen – Frauen faszinieren mich. Die Flirts gehörten genauso zu meinen Reisen wie der Adrenalinkick bei Aufnahmen auf dem Straßenstrich oder in Leprakrankenhäusern. Ich gefiel mir in diesem Leben, hatte das Gefühl, es geschafft zu haben: der unabhängige Fotograf, der als Reporter um die Welt reiste, von einer Stadt zur nächsten, zur nächsten Bar, zur nächsten Frau. Seit meiner ersten Reise kurz nach dem Abitur hatte ich von diesem Leben geträumt.

Der letzte Flirt

Der Flirt am Empfang fiel mir leicht: Ich stellte mich mit Absicht doof bei der Registrierung an, sodass sie zu mir an den Tisch kam, um mir zu helfen. Als sie sich näher an den Bildschirm beugte, unsere Körper berührten sich fast, platzte eine ältere Frau dazwischen:

"Entschuldigung, sind Sie Philipp?"

"Ja, ja, das bin ich", sagte ich genervt darüber, dass unser schöner Moment so rüde unterbrochen wurde.

"Es gab ein Durcheinander mit Ihrem Test. Würden Sie bitte noch einmal mit mir kommen?"

"Klar", antwortete ich, folgte der Dame in ihr gläsernes Beratungszimmer und warf dem Mädchen einen spielerisch genervten Blick zu. Es sollte das letzte Mal gewesen sein, dass ich diese ungezwungene Vorfreude darauf, wie aus einem flüchtigen Flirt mehr werden könnte, spürte.