Ich rauche, trinke und tanze die Nacht durch, dann mache ich Gottesdienst. Denn Rausch ist keine Sünde. Skandalös, sagen manche. Eine Predigt, die ich nie halten könnte.

Ich war schon als Kind nicht so, wie ich sein sollte. Zumindest, wenn es nach Frau S. gegangen wäre. Wenn ich Sonntagmorgens mit meinen beiden Schwestern zum Kindergottesdienst lief, trugen wir schicke Sonntagskleidchen und grüßten alle, die uns begegneten. Also eigentlich alles gut, könnte man meinen. Bis sich Frau S. mir provokativ in den Weg stellte und sagte: "Du weißt wohl nicht, wie ich heiße. Ich bin Frau S. Merk dir das bitte und sprich mich das nächste Mal mit meinem Namen an." Ich fühlte mich ertappt: Ich entsprach nicht dem Ideal der perfekten Pfarrerstochter. Ich war mir sicher, diese Frau würde sich bei meinen Eltern, dem Herrn Pfarrer und seiner Frau, über mich beschweren. Tat sie natürlich auch, aber meinen Eltern war es egal.

Jahre später, sobald ich konnte, bin ich weggegangen aus dem Pfarrhaus und aus der Gemeinde, in der ich mich immer beobachtet gefühlt hatte. Ich bin gegangen, weil ich frei sein wollte. Ich wollte Menschen kennenlernen, die mich lieben und so nehmen, wie ich bin. Nicht so, wie sie mich haben wollen. Dass mich mein Weg jemals zurückführen würde in eine Gemeinde, habe ich nicht erwartet. Mir war klar: Pfarrerin werde ich nie! Und doch studierte ich unter anderem Theologie. Ich ging ins Vikariat, um "es mal auszuprobieren" und fand irgendwie doch immer wieder Gefallen an dem Beruf und seinen Aufgaben.

Ich rauche, trinke, berausche mich

Und hier bin ich. Ich sitze in Sitzungen, leite Gemeindegruppen, taufe, traue und beerdige. Ich verwalte, predige, höre zu und kümmere mich um Seelen.

Aber meine Predigten entstehen nicht beim Lesen von Belletristik in einer kleinen Arbeitskammer unter dem Kreuz. Ich schreibe sie in den Cafés und Bars meiner Stadt. Ich gehe im Supermarkt spazieren, liege im Bett und schaue den ganzen Tag Shopping Queen, Germany's next Topmodel und alles, was das Internet so an Serien wie Breaking Bad, Black Mirror oder Dexter hergibt. Ich liebe es, zu schreiben, wenn der Bass meiner elektronischen Lieblingsmusik um mich wummert.

Und dann mache ich Feierabend. Ich gehe raus in die Kneipe nebenan. Treffe Freunde, von denen ein Großteil nicht in der Kirche ist, und lerne fremde Menschen kennen. Ich fahre auf Festivals, gehe in Clubs und streune durch die Stadt. Steige in Häuser ein und tanze im Sonnenaufgang auf Wiesen. Lackiere meine Fingernägel und schmiere mir Glitzer ins Gesicht. Rauche und trinke zu viel. Umarme wildfremde Menschen. Liege berauscht auf dem Boden und frage alle, die mir aufhelfen wollen, ob sie sich zu mir legen wollen, weil es hier unten viel lustiger ist. Einige meiner Freunde nehmen Drogen. Ich nicht, denn hier ist meine Grenze, aber es ist meine ganz persönliche, nicht die, die ich anderen vorschreibe.

Und während ich Sonntagmorgens meinen Gottesdienst halte, machen meine Freunde weiter. Manchmal im Club, manchmal auch in meiner Wohnung. Dann komme ich nach Hause und der Tisch ist voller Flaschen und überlaufender Aschenbecher, dazwischen halbleere Kaffeetassen und Klamotten, die sich in der Wohnung verteilen. Und wenn ich meinen Talar aufhängen will, stoße ich auf drei Männer, die sich in meinem Schlafzimmer lieben.

Partys, Alkohol, Drogen sind an sich keine Fehler.

Ich wohne nicht im Pfarrhaus, aber wenn ich daran denke, in eines ziehen zu müssen, dann sehe ich die Schlagzeilen der "Gemeindegala" vor mir:

"Pfarrerin verbringt Urlaub in Elektrodrogenhölle"

Was trieben die drei nackten Männer während des Gottesdienstes im Pfarrhaus?

Sie verbringt ihre Tage im Café, anstatt zu arbeiten

Pfarrerin im Rausch der ewigen Finsternis – was ist passiert?

So schlecht sieht sie aus

Im Pfarrhaus herrscht Sodom und Gomorra

Hat sie ein Alkoholproblem?

Ist das ihr Neuer?

Ist ihr Freund ein Ungläubiger?

Wann heiraten sie endlich?

Pfarrerin ist Sünderin