Alkohol macht Deutsche erst zu Menschen – und wir haben eine gestörte Beziehung zum Wodka. Vier Austauschstudenten erzählen, wie sie die deutsche Trinkkultur erleben.

Charlotte, 24, kommt aus England und studiert in Berlin

In England gibt es zu Beginn eines jeden Unijahres die "Freshers' Week" mit Partys an sieben Tagen hintereinander. Am letzten Abend meiner ersten Freshers' Week gab es ein Dinner mit Studierenden aus dem Jahrgang über uns als Paten. Jeder hat eine Flasche Wein mitgebracht und musste die bis zum Ende des Abendessens ausgetrunken haben. Es gab viele Trinkspiele und einige Leute mussten schon im Restaurant kotzen. Danach ging es weiter in den Klub, aber meine Freundin war so besoffen, dass wir nicht reingelassen wurden und so mussten wir um 22 Uhr nach Hause gehen. Als ich in Berlin ankam, gab es an der FU nur die "Kritische Orientierungswoche" – da habe ich an genau einer Veranstaltung teilgenommen: Es ging um die Rechte der Roma im heutigen Deutschland.

Im Vergleich zu England macht das Trinken in Deutschland auch einen viel kleineren Teil des Unilebens aus. Natürlich trinken die Deutschen auch, aber ich habe das Gefühl, dass der Fokus nicht so sehr darauf liegt. In England werden soziale Kontakte gerade am Anfang der Unizeit hauptsächlich über Alkohol geknüpft. Wenn man nicht trinkt, muss man zumindest mit feiern gehen, sonst gilt man als komisch. Ich erinnere mich auch an einen Pub-Golf-Abend bei einer Freshers' Week, an dem man in verschiedenen Kneipen verschiedene Getränke trinken musste, was dazu führte, dass wir innerhalb von zwei Stunden sechs oder sieben Getränke exen sollten. Als ich und ein paar andere irgendwann nicht mehr konnten beziehungsweise wollten, galten wir als Spaßverderber.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich hier im Master und nicht im Bachelor studiere, oder daran, dass Berlin so eine große Stadt ist. Hier gibt es viele andere Möglichkeiten, etwas zu unternehmen und Leute kennenzulernen.

"Die deutschen Studenten gehen, glaube ich, ein bisschen vernünftiger mit Alkohol um."

In England sind die Menschen eigentlich sehr zurückhaltend und höflich. Oft ist das Trinken eine Ausrede, um ein bisschen kuscheliger zu werden oder mal auszusprechen, was einem auf dem Herzen liegt. Bei Deutschen ist es eigentlich ähnlich, sie lachen zum Beispiel auch viel mehr, wenn sie etwas getrunken haben. Aber der Unterschied ist nicht so krass wie bei Engländern und die Kultur des Komasaufens ist hier nicht so verbreitet. Auf englischen WG-Partys gibt es viel mehr Leute, die komplett besoffen sind. Auf einer Party zu Hause haben die Leute sogar mal am Anfang des Abends gewettet, in welcher Reihenfolge sie später kotzen werden.

Vielleicht liegt das daran, dass man in Deutschland schon ab 16 trinken kann. Die deutschen Studenten gehen, glaube ich, ein bisschen vernünftiger mit Alkohol um, weil sie als Teenager schon öfter mal betrunken waren. Wenn die Leute in England mit 18 an die Uni kommen, ist das für manche von ihnen tatsächlich das erste Mal, dass sie mit Alkohol in Berührung kommen.

Was für mich auch total neu war, ist das Feierabendbier. In Deutschland trinken viele Leute regelmäßig am Abend ein gechilltes Bier, um den Tag ausklingen zu lassen. Zum Beispiel am Kanal – da haben meine neuen Mitbewohner mich damals mit hingenommen und wir haben geredet und Bier getrunken. Natürlich geht man in England auch mal für ein Bier in den Pub. Aber meistens ist es eher so: Wenn die Leute trinken, dann richtig.

Ángel, 31, kommt aus Mexiko und hat in Osnabrück studiert

Meine erste Erinnerung an Osnabrück ist das Bierdiplom, das ich dort gemacht habe. Man bekommt einen Pass und muss mehrere Bars und Kneipen besuchen und dort einen Kurzen oder ein Bier trinken, um einen Stempel zu bekommen. Wenn man mehr als zehn Stempel hat, bekommt man das Diplom. Für einen Zweck zu trinken, war wirklich eine ungewöhnliche Erfahrung. Das fand ich klasse! Am Unileben hat mich dann sehr überrascht hat, dass man jeden Tag in der Woche feiern kann. In Mexiko haben die Bars und Klubs nur von Donnerstag bis Sonntag auf. Es ist komisch: Die Deutschen können trinken, aber am nächsten Tag sind sie in der Vorlesung. Sie sind echt diszipliniert. 

Aber in Mexiko sind die Leute freundlicher. Sie gehen aufeinander zu und sagen: "Hey, lass uns zusammen was trinken und ein bisschen Spaß haben." Oft kennt man die Person neben sich gar nicht, aber man stößt mit ihr an – man feiert gemeinsam. In Deutschland sind die Leute viel ernster und skeptisch gegenüber Fremden, aber je mehr sie trinken, desto freundlicher werden sie. In Mexiko verändern die Leute sich durch den Alkohol nicht besonders, in Deutschland werden sie dagegen mit jedem Schluck aufgeschlossener und um 1 Uhr nachts liegen sie sich in den Armen und sagen: "Hey, du bist mein Bro!" Sie werden quasi Mexikaner, wenn sie trinken. So habe ich auch meinen besten Freund kennengelernt, der am Anfang kaum mit mir geredet hat.

"Flunkyball habe ich mittlerweile auch bei meinen mexikanischen Freunden eingeführt."

Es kommt aber natürlich auch darauf an, ob man auf einer WG-Party oder in einem Klub ist. WG-Partys finde ich viel besser, denn im Klub bleiben die Deutschen meist unter sich. Sie kommen in einer Gruppe und haben oft kein Interesse daran, andere Leute kennenzulernen. Auf WG-Partys ergibt sich immer ganz automatisch ein Gemeinschaftsgefühl. Da spielen dann alle zusammen Bierpong oder Flunkyball, auch wenn sie sich nicht kennen. Flunkyball habe ich mittlerweile auch bei meinen mexikanischen Freunden eingeführt.

In Deutschland zieht man nach der WG-Party dann oft noch weiter. In Mexiko versacken wir oft zu Hause, weil plötzlich alle zu betrunken sind oder es sich nicht mehr lohnt, rauszugehen. Die Klubs machen nämlich schon um 3 Uhr zu. Außerdem ist es in Mexiko sicherer, zu Hause zu feiern.