Das Vergabeverfahren für Studienplätze in Medizin ist nur teilweise mit dem Grundgesetz vereinbar. Das Bundesverfassungsgericht verlangt zahlreiche Änderungen.

Der Numerus clausus im Studienfach Medizin ist mit dem Grundrecht auf freie Ausbildungswahl nur bedingt vereinbar. Dies entschied das Bundesverfassungsgericht und gab damit der Klage zweier Studienbewerber teilweise recht (AZ: 1 BvL 3/14 und 1 BvL 4/14). Der Erste Senat unter Vorsitz von Gerichtsvizepräsident Ferdinand Kirchhof verlangte nun zahlreiche Änderungen des Zulassungsverfahrens, die Bund und Länder bis zum 31. Dezember 2019 vorlegen müssen. Zuvorderst müsse sichergestellt sein, dass Eignungsgespräche an Universitäten bundesweit in "standardisierter und strukturierter Form" stattfinden, um die Chancengleichheit der Studierenden zu wahren.

In dem Urteil aus Karlsruhe heißt es, grundsätzlich sei die Vergabe nach den besten Abiturnoten, nach Wartezeit und nach einer Auswahl durch die Universitäten mit dem Grundgesetz zu vereinbaren. Allerdings müsse die Zahl der Wartesemester enger begrenzt, die Abiturnote nicht das einzige Kriterium und zugleich über Ländergrenzen hinweg vergleichbar sein.  Zudem dürfe eine Festlegung auf höchstens sechs gewünschte Studienorte nicht dazu führen, dass ein Bewerber, der eigentlich erfolgreich wäre, am Ende leer ausgeht.

In dem konkreten Fall hatten die klagenden Studienbewerber bei einem Notendurchschnitt im Abitur von 2,0 beziehungsweise 2,6 auch nach acht beziehungsweise sechs Jahren Wartezeit noch immer keine Zulassung zum Medizinstudium erhalten. Ihre zwischenzeitlich erfolgreich abgeschlossene Ausbildung zur Krankenpflegerin beziehungsweise zum Rettungssanitäter änderte an ihrer Ablehnung nichts.

9.000 Plätze – 45.000 Bewerber

Derzeit gibt es im Studienfach Medizin sehr viel mehr Bewerber als Plätze – und die Chancen für Abiturienten, einen Studienplatz in einer der insgesamt 38 medizinischen Fakultäten zu bekommen, verschlechtern sich von Jahr zu Jahr. Gab es vor 13 Jahren etwa doppelt so viele Bewerber wie Studienplätze, so war zum Wintersemester 2017/2018 die Zahl der Bewerber nach Angaben der Stiftung Hochschulzulassung nahezu fünfmal höher als die der Studienplätze. Konkret wollten 43.184 junge Menschen in Deutschland ein Medizinstudium beginnen, es standen aber nur 9.176 Plätze zur Verfügung.

Die Folgen sind ein extrem hoher Numerus clausus und ein kompliziertes Zulassungssystem: Vorab ist eine bestimmte Platzzahl den Auslandsstudenten und Härtefällen vorbehalten. Nach diesem Abzug werden zwanzig Prozent der bundesweiten Plätze von der Stiftung für Hochschulzulassung an die Bewerber mit den besten Abiturnoten vergeben. Auch hier sind die Anforderungen drastisch gestiegen: Schon ein Abiturdurchschnitt von 1,2 sichert keinen Studienplatz mehr. Weitere 20 Prozent der Plätze vergibt die Stiftung nach Wartezeit. Im Durchschnitt lag sie im Wintersemester 2017/18 bei 14 Semestern – und damit zwei Semester länger als die für Medizin geltende Regelstudienzeit von zwölf Semestern.

Jede Uni mit eigenen Kriterien

Die übrigen Plätze – also 60 Prozent – werden schließlich im Auswahlverfahren der Hochschulen vergeben. 35 Hochschulen nehmen daran teil. Einige von ihnen, wie Aachen, Bonn und Düsseldorf, wählen ausschließlich nach der Durchschnittsnote aus, 20 weitere legen daneben mindestens zwei weitere Auswahlkriterien zugrunde, 24 Hochschulen wiederum wenden sogenannte Vorauswahlkriterien an. Sehr viele Universitäten stützen die Auswahl der Bewerber vor allem auf den Eignungstest für Mediziner. Bewerber, die in diesem bundesweiten freiwilligen Test sehr gut abgeschnitten haben, erhalten einen Bonus auf den Abi-Schnitt. Wie hoch der Bonus ausfällt, entscheidet die Uni allerdings selbst. Andere führen zusätzlich Auswahlgespräche oder honorieren eine praktische Ausbildung – etwa als Rettungssanitäter oder Krankenschwester.

Eine weitere Hürde für Bewerber ist, dass man sechs Hochschulorte als Ausbildungsort auswählen muss. Schließlich müssen die Bewerber eine Reihenfolge angeben. Bestimmte Hochschulen berücksichtigen Bewerbungen aber nur, wenn sie als erste Präferenz genannt sind. 60 Prozent der Plätze vergeben die Universitäten nicht nach gesetzlich festgelegten, sondern nach eigenen Auswahlkriterien.

Erst mal ins Assessment-Center?

Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen hatte Zweifel daran, ob dieses komplizierte und bundesweit nicht einheitliche Zulassungssystem verfassungsgemäß ist. Denn nach Artikel 12 des Grundgesetzes hat jeder das Recht, seinen Beruf und seinen Ausbildungsort frei zu wählen. Wenn die staatlichen Hochschulen schon über Beschränkungen verfügten, dann müssten diese sachgerecht sein und den Grundsatz der Gleichbehandlung erfüllen, meinten auch die Richter in Gelsenkirchen und legten das gesamte Zulassungsverfahren dem Bundesverfassungsgericht zur Prüfung vor.

Als problematisch stufte das Verwaltungsgericht allein schon die Vergleichbarkeit der Abiturnoten ein. So erreichen in Thüringen beispielsweise 38 Prozent der Abiturienten einen Notendurchschnitt zwischen 1,0 und 1,9. In Niedersachsen sind es dagegen nur 17 Prozent. Auch das freie Ermessen der Hochschulen, nach welchen Kriterien sie ihre Studienplätze vergeben, wurde für problematisch gehalten. "Dürfen Universitäten ohne gesetzlich vorgegebene Kriterien nach eigenem Ermessen die Bewerber auswählen?", fragte Kirchhof in der mündlichen Verhandlung Anfang Oktober kritisch.

Vorschläge für eine Reform der Zulassung gibt es seit Langem. So fordert etwa die Bundesärztekammer, dass beim Zulassungsverfahren neben der Abiturnote weitere Kriterien herangezogen werden wie psychosoziale Kompetenzen, soziales Engagement und einschlägige Berufserfahrung. Notwendig seien – neben generell mehr Studienplätzen – zudem Assessment-Center, in denen fachliche und menschliche Voraussetzungen für den Arztberuf geprüft werden.

Allerdings gibt es nicht nur für das Medizinstudium Zulassungsbeschränkungen: Der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) zufolge gibt es derlei Begrenzungen für etwa 44 Prozent der mehr als 10.000 Studienangebote.

Bundesverfassungsgericht
Eine Chance für die Medizin
Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass das Zulassungsverfahren für das Medizinstudium in Teilen unzulässig ist. Eine Chance für mehr Diversität, sagt unser Autor Jakob Simmank im Videokommentar.