Eine Genderprofessorin erklärt, warum es leicht ist, sich Feminist zu nennen, es okay ist, sich damit zu schmücken, aber man fragen sollte: Will ich überhaupt einer sein?

ZEIT Campus ONLINE: Frau Villa, seit Wochen sprechen wir in Deutschland über sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt. Ich bin ein Mann und möchte dazu beitragen, dass solche Dinge nicht mehr passieren. Wie werde ich zum Feministen?

Paula-Irene Villa: Die Frage gilt ja für alle Menschen, nicht nur für Männer. Und ich weiß auch nicht, ob Sie sofort zum Feministen werden müssen. Erst mal würde ich dafür plädieren, sexuelle Belästigung und Feminismus zu trennen. Man muss nicht Feminist oder Feministin sein, um sexuelle Belästigung und Sexismus zu vermeiden. Man kann am Arbeitsplatz, in der Bahn, bei einer politischen Versammlung über Sexismus nachdenken und sich fragen: Passiert das dort? Wichtig ist zunächst anzuerkennen: Es gibt Sexismus, es gibt sexuelle Belästigung und es findet sexuelle Gewalt statt. Und sich dann zu fragen: Hat das etwas mit mir zu tun? Kann ich etwas ändern, kann ich aufmerksamer sein, damit solche Dinge weniger passieren? Eine andere Sache ist die Frage: Will ich Feminist sein? Das muss nicht zwingend zusammen gehen.

"Der Minimalkonsens ist Gleichberechtigung."

ZEIT Campus ONLINE: Wenn ich das will, was heißt es dann, Feminist zu sein?

Villa: Es heißt erst mal, dass man davon überzeugt ist und dafür eintritt, dass Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht gleich viel wert sind, dieselben Rechte und Pflichten haben, und auch prinzipiell dieselben Möglichkeiten im Leben haben sollen. Es heißt, dass man sich dort, wo Menschen nach Geschlecht benachteiligt werden, dafür einsetzt, das zu verstehen und zu überwinden. Das ist der Minimalkonsens. Da braucht es gar nicht so viel zu, um sich in diesem Sinne als Feminist zu bezeichnen.

ZEIT Campus ONLINE: Ist das wirklich so einfach? Kann ich mich dann damit schmücken, Feminist zu sein?

Villa: Ja klar, das ist erst mal einfach und klar können Sie sich dann damit schmücken. Dann müssen Sie jedoch auch – wie bei jeder Bezeichnung, die Sie sich selbst geben – damit rechnen, dass jemand anders sagt: Das sehe ich aber nicht so, ich erinnere dich gerade mal an diese Sache, die du letztens gemacht hast, das war ganz und gar nicht feministisch. Aber so ist es dann: Sie müssen sich, wie wir alle, an Ihren Taten messen lassen. Oder damit rechnen, dass Kumpels sich über Sie lustig machen. Und sich dagegen wehren. Feminismus als Bezeichnung gehört niemandem und auch innerhalb feministischer Strömungen gibt es andauernd Auseinandersetzungen darüber, wer tatsächlich, eigentlich, wirklich der oder die richtig gute, ehrliche und wirkliche Feminist oder Feministin ist und wer nicht.

Sie können sagen: "Ich bin für die Gleichberechtigung der Geschlechter und ich meine, dass das feministisch ist." Da würde vielleicht jemand anders sagen: Nein, das reicht nicht, weil Feminismus ist auch Kapitalismus- und Herrschaftskritik und überhaupt, hast du dir schon mal über queer und solche Dinge Gedanken gemacht? Und dann sagen Sie: "Ähm, nee, weiß ich nicht" und dann können Sie sich darüber streiten oder debattieren oder sich informieren. Dann sind Sie Teil der feministischen Debatte. Aber der Minimalkonsens ist Gleichberechtigung.

"Es gibt globale Fragen wie weltweite Arbeitsteilungen, aber eben auch die Frage, wer zu Hause den Müll hinunterbringt."

ZEIT Campus ONLINE: Für Gleichberechtigung sein, das klingt so ziemlich leicht. Ist das nicht jeder?

Villa: Nun, das bedeutet, nicht einfach nur zu behaupten, dass man für Gleichberechtigung sei, sondern dass man sich auch immer wieder fragt: Was meint Gleichberechtigung? Hat es nur mit dem Artikel 3 des Grundgesetzes zu tun oder auch mit dem Einkommensgefälle zwischen Männern und Frauen, oder mit Windeln wechseln und Müll runterbringen? Oder auch mit Globalisierung und etwa den Näherinnen in Bangladesch und Indien, die unsere Kleidung herstellen? Das sind alles Dimensionen von Gleichberechtigung: Es gibt globale Fragen wie weltweite Arbeitsteilungen, aber eben auch die Frage, wer zu Hause den Müll hinunterbringt. Das ist keine Checkliste, wo sie Punkt eins bis drei abhaken können und dann, zack, haben wir Gleichberechtigung. Aber wenn Sie bereit sind, sich auf diese Diskussion einzulassen, sachlich, neugierig und offen, ist das schon super.

ZEIT Campus ONLINE: Sie sind Professorin und haben einen Lehrstuhl für Gender inne. Inwiefern ist die Gleichberechtigung der Geschlechter auch Ihre Aufgabe?

Villa: Ich forsche. Und Forschung ist keine Politik. Ich plädiere für eine klare Trennung – Politik und Forschung können sich natürlich beeinflussen, aber in erster Linie forschen wir. Die Forschung kann dazu dienen – vielleicht auch dieses Interview, wer weiß – dass die Öffentlichkeit sich für Gleichberechtigung einsetzt. Aber das ist nicht Ziel oder Rahmung meiner Forschung.