Philipp hat HIV. Unter seinen Freunden fühlt er sich giftig und krank. Mit den anderen Infizierten teilt er nichts als das Virus. Er fragt sich: Wo gehöre ich jetzt hin?

Dieser Text ist Teil einer Serie über das Leben mit dem HI-Virus. Philipp Spiegel erzählt von seiner Diagnose, davon, wie es ist, als Mann mit HIV Frauen kennenzulernen, und seiner Suche nach denen, die er infiziert haben könnte. Hier kannst du alle Teile der Serie lesen.

Beim Zwiebelschneiden wurde mir zum ersten Mal klar, dass ich jetzt anders bin. Meine Diagnose lag drei Wochen zurück und ich musste mich um die nächsten Schritte kümmern: Arztbesuche, immer wieder Bluttests, psychologische Gespräche, Informationen über die medikamentöse Behandlung. Bislang nahm ich noch keine Medikamente, war ansteckend und mied soziale Kontakte so gut es ging, denn ich hatte noch kaum jemanden von meiner Infektion erzählt. Ich lebte so zurückgezogen, dass ich meinen Freunden langsam verdächtig vorkam. Sie fingen an Fragen zu stellen: Alles gut bei dir? Ist was mit deiner Familie?

Also ließ ich mich zum gemeinsamen Kochen überreden. Gulasch, Salat, Rotwein. Es war nett, eigentlich wie immer. Man sah mir ja nicht an, dass ich krank war. Ich hatte keine Flecken im Gesicht, nicht mal mehr Fieber, keine äußeren Zeichen, die warnten: Achtung, ich habe HIV und mir geht's beschissen. Alles lief gut – bis mir ein Freund die Zwiebeln und ein scharfes Messer in die Hand drückte und fragte: Kannst du die schneiden?

Ich fühlte mich so hilflos, krank und giftig

Klar, log ich und starrte auf die blanke Schneide. Ich fing an zu zittern, war nicht in der Lage, die Klinge in die Zwiebel zu stoßen. Was wenn ich mich schnitt? Ich sah schon, wie sich die Zwiebel blutrot färbte. Die Vorstellung, mit meinem Blut das Essen zu vergiften, machte mich wahnsinnig. War ich jetzt eine Gefahr für meine Freunde? Sie wussten nicht, was mit mir los ist. Und ich hatte Angst vor ihrer Reaktion, wenn ich es ihnen erzählte. Die Angst mich zu outen war noch größer als mich zu schneiden. Also schnitt ich. Kein Blut, dafür Unbehagen den ganzen Abend: Ich fühlte mich so hilflos, krank und giftig. Wie ein Fremdkörper unter Vertrauten.

Noch mehr als unter Freunden litt ich bei der Arbeit: Ich interessierte mich kaum noch dafür, in welchem Licht ein Foto geschossen wurde, war schlapp und unsicher. Als Fotograf brauchst du ein großes Ego, du musst dich verkaufen können. Mein Ego hatte ich irgendwo zwischen Arztterminen, Therapiestunden und trockenen Hustenanfällen verloren.

88.400 infizierte Menschen in Deutschland

Unter meinen Freunden schämte ich mich, hatte Angst sie zu gefährden oder mich zu entblößen. In die Fotografiewelt, in der alle sich immer geil fühlen und der mit dem größten Ego den Auftrag gewinnt, gehörte ich nicht mehr. Nur wo dann?

EinAids-Beraterriet mir, es mit einer Selbsthilfegruppe zu versuchen. Ich sei schließlich nicht allein damit. 12.300 infizierte Menschen leben in Österreich, 88.400 in Deutschland. Zehntausende Menschen mit demselben Schicksal, der gleichen Angst und Zweifeln. Ja, vielleicht würde mir das helfen?

Ein paar Tage später saß ich im Wartezimmer der Aids-Hilfe. Vor mir eine Wand mit Broschüren und Flyern, darauf: halbnackte, muskulöse Männer in Unterwäsche, manche beugten ihren Bizeps, lächelten mich motivierend an. Sie sahen stark und gesund aus – und schwul. In den Bizepsbroschüren: Infos über schwule Gesundheit, schwule Mentorenprogramme, schwule Selbsthilfegruppen. Schwul, schwul, schwul. Keine einzige Broschüre für Heteros. Keine einzige Broschüre, die zu mir sprach.

Die positive Minderheit

Eben war ich noch der privilegierte, weiße Mittelschichtskünstler, plötzlich war ich die Minderheit in der Minderheit: der positive Heteromann.

Zum Treffen der Selbsthilfegruppe ging ich trotzdem, irgendwo musste ich ja jetzt hingehören. "Wir treffen uns ganz zwanglos zum Kochen", so erklärte es mir der Leiter am Anfang. Wieder kochen, diesmal Pasta, diesmal mit Fremden. Wenigstens musste ich mir hier beim Zwiebelschneiden keine Gedanken darüber machen, mit meinem Blut das Essen zu vergiften.

Ich wollte unbedingt zwanglos sein, versuchte ich selbst zu sein, aber brachte kein Wort heraus. Wie fängt man nur ein Gespräch an, wenn man nichts gemeinsam hat als dasselbe Virus: Na, wie lange bist du schon positiv? Beschissen, oder?

War ich jetzt das Virus?

Ich sagte lieber nichts. Erst als mich jemand ansprach, erzählte ich von Indien. Von den Farben und Gerüchen. Urlaub geht immer, dachte ich. Und dann erzählte er von seinem Clubhotel auf Ibiza letztes Jahr. War total geil, all inclusive.

"Fuck. Was mache ich hier?", dachte ich. Wer sind diese Menschen? Was soll ich mit denen?  

Ich verließ das Gebäude der Selbsthilfegruppe noch viel deprimierter, als ich es betreten hatte. Uns vereinte wirklich nichts als das Virus. 

Das Virus herausfordern

Musste ich mich wirklich selbst darauf reduzieren, Träger des Virus zu sein? Sollte das Virus bestimmen, mit wem ich meine Zeit verbringe und mit wem nicht? War ich jetzt das Virus? Und nicht mehr Fotograf, Hetero, Bruder, Freund?

Es war in dieser Nacht, nachdem ich den anderen aus der Selbsthilfegruppe den Rücken gekehrt hatte, dass ich eine Entscheidung traf: Ich würde das Virus herausfordern. Es mochte meinen Körper zerstören, aber nicht meinen Geist, nicht meine Ideen und vor allem nicht meine Beziehungen.

Ich entschied, alles über dieses Virus, das nun in mir lebte, herauszufinden. Ich lernte, dass die Medikamente ein Schutzschild um meine Zellen bilden würden. Dass das Virus dann nicht mehr andocken kann und sich zurückzieht, wie ein Tier, das sein Beute nicht zu fassen kriegt. Ich lernte, dass es Lebensmittel gibt, die ich meiden sollte: Grapefruit liebe ich, sollte ich aber nicht essen – es begünstigt die Nebenwirkungen. Mit jedem kleinen Wissensbaustein über das Virus fühlte ich mich stärker.

Bruder, Freund, Fotograf und positiv

Am 3. März 2014 begann ich mit der medizinischen Behandlung. Seit diesem Tag hatte ich endlich die Kraft, es meinen Freunden und meiner Familie zu erzählen. Selbst von meiner Angst vorm Zwiebelschneiden vor drei Jahren habe ich meinen Freunden erzählt: Die Wahrscheinlichkeit der Ansteckung wäre verschwindend gering gewesen, das weiß ich jetzt. Heute kann mein Blut  niemandem mehr etwas anhaben, durch die Medikamente liegt meine Viruslast unter der Nachweisgrenze. Das Virus ist ein Teil von mir. Aber ich bin nicht das Virus. Ich kann Bruder, Freund, Fotograf und positiv sein.

Vor ein paar Tagen, nachdem diese Serie erschienen war, schrieb mir eine Freundin eine Nachricht: Sorry, dass ich nie nach deinem Virus frage. Manchmal vergesse ich es einfach.

Das war das schönste Kompliment, das sie mir machen konnte.