Er ist 35, heterosexuell, HIV positiv und muss vier Frauen per Mail mitteilen, dass er infiziert ist. Wer steckte ihn an? Und steckte er eine Frau an? Teil drei der Serie

Dieser Text ist Teil einer Serie über das Leben mit dem HI-Virus. Philipp Spiegel erzählt von seiner Diagnose, davon, wie es ist, als Mann mit HIV Frauen kennenzulernen, und seiner Suche nach denen, die er infiziert haben könnte. Hier gibt es alle Teile der Serie.

Nach dem Schock kam die Schlaflosigkeit. Vor wenigen Stunden hatte ich in einem indischen Ashram erfahren, dass ich HIV-positiv bin und wollte nur eines nicht: nach Hause. Stattdessen checkte ich in ein billiges Hotel in Mumbai ein. Auf ein paar Tage, selbst Wochen kam es nicht an, versicherten mir die Berater der AIDS-Hilfe, mit denen ich jetzt in täglichem Kontakt stand. Ich fürchtete mich, zurück nach Hause zu gehen: Mit dem Ende dieser Reise endete auch mein Leben, wie ich es bisher kannte. Erst dort würde die Nachricht meiner Infektion Realität werden.

Vor allem aber musste ich, bevor ich mich um das Virus kümmern konnte, zwei Fragen klären, die mir den Schlaf raubten: Habe ich jemanden angesteckt? Und wer hat mich angesteckt?

Die Ärzte hatten mir gesagt, seit wann das Virus sich in meinem Körper ausgebreitet hat. Den Zeitraum, in dem ich ansteckend war und angesteckt wurde, konnte ich auf ein paar Monate begrenzen. Vier Frauen hatte es in dieser Zeit gegeben. Vier Frauen, mit denen ich geschlafen hatte. Vier Frauen, bei denen ich mit Kondom verhütet hatte. Kondome, die ultimativen Sicherheitsgaranten. Dachte ich zumindest. Und trotzdem: Eine der vier Frauen musste mir – höchstwahrscheinlich – das Virus gegeben haben. Also war auch nicht auszuschließen, dass ich eine von ihnen angesteckt hatte.

Es ist ganz wichtig, dass du dich testen lässt

Weil es in meinem Hotelzimmer kein Internet gab und ich ohnehin nicht schlafen konnte, verbrachte ich meine Nächte in einem schäbigen Internetcafé. An der Decke rotierten die Ventilatoren, vor der Tür zogen hupende Autos vorbei und neben mir skypten indische Männer an alten Windows-Computern mit ihren Familien. Ich saß dazwischen und versuchte, die richtigen Worte zu finden. In meinem E-Mail-Postfach sammelten sich die Entwürfe.

Das ist die schwierigste E-Mail, die ich je geschrieben habe, je schreiben werde ...
Es tut mir so unendlich leid, dich so zu informieren …
Ich wurde vor ein paar Tagen mit HIV diagnostiziert ...
Es ist ganz wichtig, dass du dich testen lässt.
Ich ruf dich morgen an …

Ich versuchte, so sachlich wie möglich zu bleiben. Dazu kopierte ich die Öffnungszeiten der nächstgelegenen AIDS-Hilfe. Ich wollte, dass sie, wenn sie diese E-Mail lasen, sofort einen Test machen konnten und nicht eine Sekunde länger als nötig mit der quälenden Ungewissheit leben mussten.

Auch als ich hundertprozentig sicher war, dass ich keine besseren Worte mehr finden würde, um zu sagen, was ich sagen musste, schwebte mein Cursor noch minutenlang über dem Senden-Button. Wissend, dass diese E-Mail das Leben der anderen Person auf den Kopf stellen würde, und sei es nur für einige Stunden. Ich las die E-Mail wieder und wieder, bis ich es nicht mehr ertrug. Ich drückte ab.

Dann begann das Warten. Tagsüber streunte ich mit meiner Kamera durch Mumbais Slums, den Abend verbrachte ich Zigarette um Zigarette auf der Bordsteinkante vor dem Internetcafé ins Nichts starrend. Schlafen konnte ich ohnehin nicht. Ich hatte mir vorgenommen, mindestens 24 Stunden zu warten, bis ich wieder Kontakt aufnehmen würde. 

Ich hatte es nicht geschafft, die Frauen anzurufen, um ihnen die Nachricht zu überbringen. Die Angst, das Wort HIV nicht über die Lippen zu bringen oder vor Nervosität anzufangen zu lachen oder zu weinen, war zu groß. Für den zweiten Kontakt zwang ich mich, anzurufen, und stieg in die knarzende Holzbox des Internetcafés, kaum größer als ein Sarg.