Viele wollen Arzt werden – und es herrscht ja auch Ärztemangel, oder? Dass es trotzdem in Zukunft nicht mehr Studienplätze geben wird, liegt vor allem an einem Faktor.

Das Problem ist schnell beschrieben: Sehr viel mehr Menschen wollen in Deutschland Medizin studieren, als Plätze vorhanden sind. Auch die gestrige Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, die Abiturnote in Zukunft nicht so stark zu gewichten, wird an der hohen Nachfrage nichts ändern. Das Angebot an Plätzen ist niedrig. Zu niedrig. Denn der Bedarf ist da: Dem Land fehlen Ärzte, sagt die Bundesärztekammer. Die Lösung scheint einfach: Es müssen mehr Studienplätze geschaffen werden. Warum geschieht das nicht?

Angebot, Nachfrage, Bedarf. Wer verstehen will, warum es nicht mehr Studienplätze gibt, muss sich alle drei Teile der Gleichung anschauen. Und stellt am Ende fest, dass dieses scheinbar einfache Problem ziemlich kompliziert ist.

Teil 1: Die Nachfrage

Die Zahl der Bewerber, sagt Cort-Denis Hachmeister, Datenanalyst am Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Im Jahr 2000 gab es 20.000, in diesem Wintersemester waren es schon 43.000. "Es wollen im Allgemeinen immer mehr junge Menschen studieren", sagt Hachmeister. Zwischen 2005 und heute sind aus 350.000 Studienanfängern in Deutschland fast eine halbe Million geworden. Das betrifft auch die Medizin. "Der Arztberuf genießt ein hohes Prestige und bietet gute Verdienstmöglichkeiten – quasi ohne die Gefahr, arbeitslos zu werden."

Außerdem wurde zum Wintersemester 2005/2006 die Vergabepraxis umgestellt. Für 60 Prozent der verfügbaren Studienplätze können die Unis seitdem eigene Aufnahmekriterien festlegen: Die Biologienote aus dem Abitur doppelt gewichten, Motivationsgespräche führen oder die Bewerber den TMS-Medizinertest absolvieren lassen, der schon von 1986 bis 1996 in ganz Deutschland eingesetzt wurde. Das Verfahren wurde undurchsichtiger. "Plötzlich war es schwerer, sich auszurechnen, ob man mit seiner Abinote einen Platz bekommt", erklärt Hachmeister. Viele, die sich sonst wohl nicht beworben hätten, witterten ihre Chance und bewarben sich. Das heizte die Nachfrage weiter an.

Teil 2: Das Angebot

Die Anzahl der Studienplätze stieg nicht annähernd so schnell wie die Nachfrage. Im Jahr 2000 gab es zum Wintersemester ungefähr 7.800 Plätze, heute sind es 9.150. Ein Anstieg von gerade einmal 20 Prozent, während sich die Nachfrage mehr als verdoppelt hat. Wenn man die Bewerber unterbringen will, müssen also neue Studienplätze geschaffen werden. Etwas, das die Mediziner-Gewerkschaft Marburger Bund und der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, seit Jahren fordern. Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, forderte vergangenes Jahr, die Zahl der Studienplätze zu erhöhen. Wahlweise ist von 1.000 Plätzen oder einem Anstieg von zehn Prozent die Rede, was ungefähr auf das Gleiche hinausliefe.

Teil 3: Der Bedarf

Natürlich sollen nicht einfach Studienplätze geschaffen werden, um die Bewerber zu befriedigen. Sondern weil tatsächlich mehr Ärzte gebraucht werden. Zumindest laut der Bundesärztekammer. "Schon heute klaffen bei der ärztlichen Versorgung in vielen Regionen große Lücken", sagte Frank Ulrich Montgomery, als er im vergangenen Jahr die aktuelle Ärztestatistik vorstellte. 2016 blieben fast 2.000 Arztstellen unbesetzt.

Doch die Frage nach dem Bedarf ist umstritten. Johanna Eleonore Weber, Vizepräsidentin der Hochschulrektorenkonferenz für Hochschulmedizin und Gesundheitswissenschaften, will das so nicht gelten lassen. "Es ist umstritten, ob es einen Ärztemangel gibt. Aus Sicht der Medizinfakultäten gibt es weder zu wenige Studienplätze noch zu wenige Ärzte." Sie sieht statt einem absoluten Ärztemangel ein Verteilungsproblem: "Es sind zum Beispiel zu wenige junge Ärzte bereit, sich in einer Landarztpraxis niederzulassen. Dieses Problem ist völlig unabhängig von der Anzahl der Studienplätze."

Teil 4: Das Geld

Es gibt aber noch einen weiteren, möglicherweise wichtigeren Grund, warum kaum neue Medizinstudienplätze geschaffen werden: Sie sind teuer. "Medizin ist einer der teuersten Studiengänge überhaupt", sagt Cort-Denis Hachmeister vom CHE. "Vom Labor bis zum Krankenhaus brauchen die Unis eine extrem teure Ausstattung." Dazu komme der Kleingruppenunterricht, der viele Lehrkräfte bindet. Pro Student und Jahr belaufen sich die Kosten auf mehr als 30.000 Euro. Im Vergleich dazu kostet ein Studienplatz in den Geisteswissenschaften oder in BWL gerade einmal 5.000 Euro. Die Unis müssen sich also überlegen, ob sie einen Platz in Medizin oder sechs in Geschichte oder dem sehr beliebten BWL schaffen. Und tatsächlich scheinen sie sich eher für Letzteres zu entscheiden. Während in den Geistes- und vor allem in den Wirtschaftswissenschaften die Studentenzahlen in den letzten Jahren stark angestiegen sind, stagnieren sie in der Medizin.

Und wenn eine Uni einmal einen Medizinstudienplatz geschaffen hat, wird sie ihn auch nur schwer wieder los. Investitionen in medizinische Fakultäten sind sehr langfristig investiertes Geld. Geld, das die Bundesländer und nicht der Bund ausgeben müssen – denn die Länder finanzieren die Hochschulen. Auch der Hochschulpakt, durch den zwischen 2007 und 2023 20 Milliarden Euro* vom Bund an die Hochschulen fließen, um die höheren Studentenzahlen zu bewältigen, hat nicht zu höheren Investitionen in Medizinstudienplätze geführt. Der Grund ist laut Johanna Weber von der Hochschulrektorenkonferenz mangelnde Planungssicherheit: "Mit befristeten Mitteln kann ich eben keine dauerhaften Studienplätze schaffen", sagt sie.

Das Problem: bleibt

Bis auf Weiteres sind also keine neuen Studienplätze in Sicht. Und selbst wenn tatsächlich 1.000 neue Plätze geschaffen würden, hielten sie kaum mit der hohen Nachfrage Schritt. Die Auswahl an den Medizinfakultäten wird also sehr streng bleiben. "Ich weiß, dass das aus Sicht der Betroffenen unbefriedigend ist", sagt Johanna Weber. "Aber diese Selektion findet überall im Leben statt: im Job, beim Eignungstest an der Kunsthochschule – und eben auch beim Medizinstudium."


*Anmerkung der Redaktion: An dieser Stelle war in einer früheren Version von '20 Millionen Euro' die Rede. Korrekt sind natürlich '20 Milliarden Euro'. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

Bundesverfassungsgericht
Eine Chance für die Medizin
Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass das Zulassungsverfahren für das Medizinstudium in Teilen unzulässig ist. Eine Chance für mehr Diversität, sagt unser Autor Jakob Simmank im Videokommentar.