Eingezwängte Männerschenkel ade, die Zukunft heißt wieder Baggy.

Trends bei Männerhosen haben was von Diäten. So sicher, wie durch den Jojo-Effekt verlorene Pfunde zurückkehren, folgt auf jede schmale Hose die weite. Und umgekehrt. Das belegt ein Blick in die Geschichte, in der das Beinkleid für den Mann immer wieder zwischen Strumpf- und Pluderhose wechselte. Von Napoleon (schmal wie Strumpfhosen) über Kaiser Wilhelm (weit und lang) bis Justin Bieber (eng wie Strumpfhose).

Seit knapp vier Jahren ist der Slim-Trend sogar bei Rentnern angekommen, in der Kinderabteilung war er schon früher massenfähig. Dabei sind Männerwaden in Jeansstretch oft nicht mal besonders attraktiv. Wenn alle das Gleiche tragen, können Designer das oft schlecht mit ansehen – und werden erst richtig kreativ.

In diesem Jahr bricht nun wieder eine Trendwende an: Nach knapp einem Jahrzehnt Elastan und Enge ist wieder Entspannung angesagt. Die Männerhosen werden weiter. Es wurde Zeit: Bereits seit einigen Saisons prägen Streetwear-Elemente wie Hoodies, Sneaker und Caps die Modewelt. Da darf die Baggy – als Kind der Hip-Hop-Kultur, der Mutter aller Streetwear – nicht fehlen. Weit geschnitten, saß die Baggy immer deutlich unter der Hüfte, meist so, dass auch die Boxershorts zu sehen waren. Ein echter Gangster-Trend, der seine Wurzeln in den Gefängnissen der USA hat: Dort bekamen die Insassen ihren Gürtel abgenommen, damit sie sich damit nicht erhängen oder ihn als Peitsche benutzen konnten. Die Hosen rutschten. Und das bald nicht mehr nur im Knast. Auch auf der Straße wollten Männer mit den Hängehosen zeigen: Seht her, ich bin ein harter Typ.

Aus ästhetischen Gründen wurde die Hose später in Teilen der USA zeitweise verboten – vielen Einwohnern ging es zu weit, ständig Boxershorts oder noch mehr sehen zu müssen. Und noch heute ärgern sich US-Bürger über die Hose: In der 2.000-Seelen-Gemeinde Timmonsville in South Carolina etwa kann einen das Tragen einer Baggy seit diesem Sommer teuer zu stehen kommen. Wegen Erregens öffentlichen Ärgernisses. Es droht eine Strafe von bis zu 600 US-Dollar. Wer modisch vorne dabei sein will, muss sich aber selbst in Timmonsville keine Sorgen machen: 2017 sitzt die Baggy nicht mehr so tief, und sieht weder nach Straße noch nach Zelle aus. Vielmehr ist sie ein Mix aus Anzughose und dem Original: mit Bügelfalte und aus Wolle.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 1/17.

Das erste Anzeichen dafür, dass die Hosen wieder lockerer werden, war übrigens der Siegeszug der Jogginghose. Sie wurde abgewandelt, aus feinen Anzugstoffen genäht und so sogar bürotauglich.

Die traurige Nachricht: In naher Zukunft wird man erst mal nur wenige dieser Baggys sehen. Denn der große Unterschied zwischen der Diät und dem Herrenhosentrend ist das Tempo: Während die Kilos meist nach wenigen Wochen zurück sind, vergehen Jahre, bevor sich ein Hosentrend wirklich durchsetzt.

1970er

Mann trägt die Hose vor allem obenrum knackig eng – unten oft weit ausgestellt als Schlaghose

1980er

Das Beinkleid wird lässiger. Aus den USA kommen Einflüsse der Hip-Hop-Szene – die Baggy wird geboren

2000er

Die Hosen werden enger. Nach der Bootcut wird die Skinny propagiert – zunächst jedoch kaum getragen

2010

Schmale Silhouetten setzen sich langsam, aber sicher durch im Markt der Männermode

2017

Erst werden Jogginghosen bürotauglich, nun kommen weite Hosen im Anzugstil. Aufatmen!