Skype, WhatsApp oder Sexting: Es war noch nie so einfach wie heute, eine Beziehung auf Distanz zu führen. Ist das gut? Die Soziologin Eva Illouz hat Zweifel.

ZEIT Campus: Frau Illouz, ein Paar sein und an zwei Orten leben – ist das ein typisches Phänomen der Moderne?

Eva Illouz: Nein, eigentlich nicht. Bereits im 19. Jahrhundert sind viele englische Männer zum Beispiel nach Indien gereist, um dort Geld zu verdienen. Sie haben ihre Verlobten, manchmal sogar ihre Ehefrauen und Kinder in der Heimat zurückgelassen. Briefe kamen oft nur unregelmäßig an – oder gar nicht. Diese Form der Abwesenheit in Beziehungen war viel radikaler als heute. Eine Frau, die Monate, vielleicht Jahre darauf wartet, dass ihr Mann zurückkommt, das wäre heute unvorstellbar – technologisch und kulturell. Die Kommunikationstechnologien wie WhatsApp oder Facebook stellen permanente Präsenz her. Wir wissen im Grunde nichts über Fernbeziehungen, weil wir Distanz und Abwesenheit überhaupt nicht mehr ertragen können.

ZEIT Campus: Warum ertragen wir die räumliche Trennung trotzdem?

Illouz: Für viele Fernbeziehungen ist eben die Mobilität für die Ausbildung oder den Arbeitsplatz verantwortlich. Eine weitere Erklärung liegt darin, dass man durch die Welt reisen kann und dabei Menschen aus anderen Regionen kennenlernt. Wir versuchen, trotz räumlicher Distanz Nähe herzustellen. Durch Technologie wird aus physischer Nähe emotionale. Aber das ist schwierig, weil die traditionellen Strukturen, die Beziehungen zusammengehalten haben, verschwinden.

ZEIT Campus: Hängt das auch mit den technischen Möglichkeiten zusammen?

Illouz: Nein, romantische Beziehungen sind heute generell weniger verbindlich. Die Technologie, mit der wir die Distanz überwinden, geht einher mit einer geradezu obsessiven Ideologie von Autonomie. Beziehungen sind im Kern ein Ringen zwischen zwei Menschen, bei dem es um Verbindlichkeit des anderen und die eigene Autonomie geht. Wie viel Freiraum braucht jeder? Wie viel Zeit wollen wir zusammen oder alleine verbringen? Technologien ermöglichen jedem, sowohl die eingebildete als auch die tatsächliche Autonomie viel stärker auszuleben.

ZEIT Campus: Viele Fernbeziehungspaare schreiben sich ständig Textnachrichten und haben so das Gefühl, sich nah zu sein. Zu Recht?

Illouz: Ich bin mir unsicher. Vermutlich fehlen bei dieser Art der Kommunikation fundamentale Aspekte von Intimität. Diese beruht auf der räumlichen Nähe zweier Körper. Intimität bedeutet eben auch, dass man das eigene Leben mit jemand anderem teilt. Technologie ermöglicht es jedem, in seinem Bereich zu bleiben. Niemand muss sich anpassen. Aber genau darum geht es doch bei Intimität: dass die eigene Autonomie übertreten, herausgefordert, gestört wird.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 1/17.

ZEIT Campus: Und das funktioniert nur, wenn man sich eine Wohnung teilt?

Illouz: Entscheidend ist nicht die gemeinsame Wohnung. Entscheidend ist, Autonomie aufzugeben. Körperliche Beziehungen halten oft durch institutionalisierte Rahmenbedingungen wie Ehen oder Routinen. Technologie ersetzt diese Institutionen und führt dazu, dass die Individuen daran arbeiten müssen, die Beziehung zu erhalten.

ZEIT Campus: Wie verändert das die Liebe?

Illouz: Solche Fernbeziehungen sind nicht absolut. Sie üben keinen Druck auf das Selbst aus, fordern keine Reorganisation nach den Bedürfnissen und der Subjektivität eines anderen. Die Beziehung scheint weniger anfällig für Konflikte, die sich aus Routinen ergeben.

ZEIT Campus: Weniger Nähe heißt also auch, weniger genervt zu sein?

Illouz: Ja! Beziehungen bestehen oft darin, dass man jemanden erträgt – oder eben nicht erträgt. So wie unsere Intimität eine verbindende Qualität hat, trägt sie auch negative Aspekte in sich, die unbewusste und bewusste Ablehnung des anderen.

»Das Einzige, was die Liebe am Leben hält, ist der Wille«

ZEIT Campus: Ist das gut?

Illouz: Schwer zu sagen. Der Nachteil ist, dass das Einzige, was die Liebe am Leben hält, der Wille der beteiligten Menschen ist. Es gibt einen Mangel an Räumen, die wir teilen. Ein Auto, das wir besitzen, die gemeinsamen Freunde, die uns zu Hause besuchen: All das bildet einen institutionellen Rahmen, um Beziehungen greifbar zu machen. Wir brauchen etwas, das über den Willen hinausgeht.

ZEIT Campus: Wie meinen Sie das?

Illouz: Nehmen wir zum Beispiel den amerikanischen Film Her, in dem ein Mann eine Beziehung mit einer Sprachsoftware führt. Sie hat eine schöne Stimme und zeigt Reaktionen wie eine Frau. Doch die Frage bleibt offen: Ist das eine Beziehung? Oder führt er diese mit sich selbst? Die Fragen berühren sogar die Philosophie: die Vorstellung vom anderen und von Begegnungen, von der Art des Widerstands, der notwendig ist, damit eine Begegnung eine Begegnung sein kann. In der Phänomenologie stellt das Andere etwas dar, das meinem Willen widersteht, das meine Routine-Denkweisen herausfordert. Was wird daraus, wenn ich den anderen mit einem Schalter einfach verschwinden lassen kann? Wir wissen noch nicht, wie wir mit diesen neuen Zwischenformen umgehen sollen. Wir werden das in Zukunft herausfinden müssen.