In einer Rockband spielen, jeden Tag tanzen, süchtig sein nach Romanen – oder nach Kochen: Vier Studenten erzählen, was sie von der Uni abhält.

"Ich las ein Buch pro Tag"

"Mit 15 Jahren stieß ich auf den Roman 1984 von George Orwell. Er fesselte mich: Ich saß auf der alten Couch meiner Eltern und konnte das Buch nicht weglegen, bis es zu Ende war. Ich wollte unbedingt wissen, ob Winston Smith, die Hauptfigur, dem Überwachungsstaat entkommt. Seitdem ändern Bücher das Tempo in meinem Leben: Mal ist der Kopf schneller als das Drumherum, mal lässt er sich mehr Zeit. Ich verschwinde im Sog der Geschichten. Nach dem Abi machte ich eine Ausbildung zur Buchhändlerin und begann Literatur zu studieren. Ich las auch an der Uni viel, manchmal ein Buch pro Tag. Sogar in der Pause zwischen den Seminaren, weswegen ich mich hin und wieder in den Gängen verlief. Ich fuhr auch an der richtigen U-Bahn-Station vorbei, weil ein Roman mich wie ein Begleiter am Sitz festhielt. Bei Hausarbeiten verzettelte ich mich, suchte immer neue Bücher. Bis abends saß ich in der Bibliothek, aber statt über Lady Macbeth zu schreiben, las ich ein Buch von Judith Butler. Der Bücherberg auf meinem Nachttisch wuchs: Die einen Bücher musste ich, die anderen wollte ich lesen. Gegen Ende des Studiums raste ich durch die Seiten und konnte die Gedanken der Uni-Literatur kaum noch verfolgen, nahm sie nur zur Kenntnis. Mir kam die Freude am Studieren abhanden, fast auch die am Lesen. Erst als ich die letzte Hausarbeit abgab, legte sich das. Jetzt lasse ich mir wieder Zeit und genieße die Bücher. Gerade lese ich das neue Buch von Haruki Murakami."

Judith Poznan, 30, hat gerade ihren Abschluss an der FU Berlin geschafft. Texte von ihr gibt es unter imgegenteil.de

"Musik hat keinen Zweck"

"Manchmal beschäftige ich mich 14 Stunden am Tag nur mit Musik: Ich höre mir Lieder an, bastele an Stücken, trainiere die Stimme oder spiele Gitarre. Ich liebe an der Musik, dass sie kein Ziel hat und keinen Zweck. Sie ist entweder geil – oder eben nicht. Meine erste Band haben mein Kumpel Christoph und ich gegründet, als ich 16 war, das ist zehn Jahre her. Wir kommen beide aus dem Stadtteil Altglienicke am Rand von Berlin. Damals spielten wir Punkrock, haben uns die Instrumente selbst beigebracht, und so klang das auch. Mit 20 gab es die Band immer noch, und wir versprachen uns: Egal, was wir machen – winkt eine Tour, geht die vor. Ich schrieb mich in Berlin für Kunst und Englisch auf Lehramt ein. Musik wollte ich nicht studieren. Hätte ich Noten auf das bekommen, was ich da mache, wäre mir sicher der Spaß abhandengekommen. Musik sollte ein Hobby bleiben. Tatsächlich war es eher das Studium, das dann nebenherlief. Hausarbeiten schob ich auf, um mehr Zeit im Proberaum zu haben. Das ist bis heute so. Unsere Punkband gibt es nicht mehr, aber mit Christoph mache ich immer noch Mucke. Mit Freunden haben wir jetzt zwei neue Projekte am Start: Bei 'Black Chai Stevia' machen wir Electropop; bei 'Pabst' Garagenrock. Ich singe, spiele Gitarre und schreibe die Songs. Es läuft gerade gut: Von Pabst haben wir jetzt Aufnahmen verschickt, ein Label hat uns angeschrieben. Kann sein, dass ich das alte Versprechen doch noch einlösen muss. Vielleicht gehen wir bald auf Tour."

Erik Heise, 26, bringt sich gerade selbst bei, wie man Songs abmischt. Er studiert an der UdK in Berlin Kunst und an der FU Englisch auf Lehramt