Was passiert, wenn man sich in den Mitbewohner verliebt? Melissa*, 23, und Felix*, 25, über den Moment, als aus ihrer WG mehr wurde

Er

Sieht nett aus, mehr nicht. Das dachte ich, als ich Melissa zum ersten Mal traf: lange blonde Haare, Sporthose und Piercings in den Ohren. Vor ihrem Einzug in unsere Dreier-WG hatten wir nur einmal telefoniert. Ich war gerade bei meinen Eltern in Lübeck. Melissa klang ganz cool. Ich hatte mich gerade erst von meiner Freundin getrennt, auf eine neue Beziehung hatte ich eh keine Lust.

Sie

Du und zwei Kerle – das kann nicht gut gehen. So reagierten meine Freunde, als ich zum Studieren nach Wuppertal zog. Quatsch, dachte ich. Seine Stimme klang zwar attraktiv, und als Felix in der Tür stand, 1,98 Meter groß und eine Kiste Schokoladentafeln unterm Arm, war er mir gleich sympathisch. Als Mitbewohner. Ich hatte damals einen Freund, in den ich ziemlich verliebt war.

Er

Wir wollten keine Zweck-WG, daher haben wir oft zusammen gekocht. Ich steh total auf Hausmannskost: Braten, Hähnchenschenkel und so. Melissa mag Couscoussalat. Das fand ich interessant. Eines Abends, ich lag vorm Fernseher, stand sie plötzlich in meinem Zimmer, total verweint. Ihr Freund hatte Schluss gemacht. Danach lagen wir die ganze Nacht auf meiner Couch mit dem hässlichen Blümchenmuster und haben Filme geguckt: Ocean’s Eleven, Twelve, Thirteen, glaube ich, James Bond, die Hochzeitscrasher. Am Morgen lud ich sie im Café Extrablatt zum Frühstück ein.

Sie

Ich weiß nicht, warum ich in der Nacht zu Felix rüber bin. Vielleicht weil wir uns beim Kochen so gut unterhalten haben. Unsere Zimmer sind nur durch eine Flügeltür getrennt. Es war Herbst, draußen kalt und grau. Felix hat eine Sammlung mit über tausend Filmen, ich kannte kaum einen Titel. Danach habe ich öfter nach Gründen gesucht, um nach der Uni bei ihm zu klopfen. Um mich abzulenken. Im Schlabberlook und ungeschminkt.

Er

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 1/17.

Klar habe ich sie gemustert, vor allem ihren Po. Da fiel mir auf, wie heiß ich sie finde. Wenn sie Sachen anhatte, die ihre Figur mehr betont haben. Oder weniger – dann habe ich mir vorgestellt, wie sie darunter aussieht. Wir haben definitiv geflirtet. Anfangs saßen wir nebeneinander, dann lag sie mit dem Kopf auf meinem Schoß, und ich habe sie gekrault oder massiert. Irgendwann hat sie auch bei mir geschlafen. Wir hatten nichts miteinander, aber wir haben gekuschelt. Zum ersten Mal nach einer Campusparty. Sie war betrunken und kam nicht mehr in ihr Hochbett. In Top und Unterwäsche wollte sie sich am nächsten Morgen aus meinem Zimmer schleichen. Sie hat sich tausend Mal entschuldigt. Ich meinte: Das ist kein Problem.

Sie

Auf der Party haben wir ziemlich eng miteinander getanzt. Felix ist so groß – ich mochte es, wie er sich hinter mir bewegt hat. Tatsächlich hätte ich die Treppe zu meinem Hochbett wohl nicht mehr gut geschafft. Aber ich hab’s auch gar nicht erst versucht.

Er

Am besten gefiel mir, dass Melissa so entspannt war. Wir haben das zwischen uns einfach so laufen gelassen, uns beide keine großen Gedanken gemacht.

Sie

Ich hasse es, wenn Dinge unklar sind. Nach außen habe ich das Felix nicht gezeigt, aber mir gingen tausend Dinge durch den Kopf: Was ist das mit uns? Und wenn mehr passiert? Das ist dein Mitbewohner! Einmal wollte ich auf Abstand gehen und habe gesagt, ich hätte keine Lust, Filme zu gucken. Lange habe ich das nicht durchgehalten. Auch weil er mir leid tat. Was muss er da gedacht haben? Ich habe oft mit Freundinnen an der Uni darüber gesprochen. Sie meinten: Chill halt mal. Aber ich bin fast ausgerastet.

Er

Unser Mitbewohner hat nie gefragt, was da zwischen uns läuft. Später sagte er aber, jeder hätte gemerkt, dass wir uns gut finden. Wann uns das klar wurde, kann ich nicht sagen. Geknutscht haben wir zum ersten Mal irgendwann Anfang Dezember. Tendenziell würde ich sagen: gleichzeitig. Aber kann schon sein, dass sie etwas forscher war.

Sie

Es war am 2. Dezember morgens. Er lag auf dem Rücken, ich über ihm. Da habe ich ihn geküsst. Wir sind nicht übereinander hergefallen, von wegen "Ich fress dich gleich auf". Sex hatten wir sogar erst ein paar Wochen später. Am Ende hatten meine Freunde also doch recht mit ihrer Prophezeiung: Verliebt in den Mitbewohner – manchmal komme ich mir selbst vor wie in einem kitschigen Liebesfilm.

* Melissa und Felix möchten offen über ihre Gefühle sprechen – aber lieber anonym bleiben.

Ein Moment, zwei Perspektiven: ZEIT Campus-Redakteurin Laura Cwiertnia fragt für jede Ausgabe zwei Menschen unabhängig voneinander nach einem gemeinsamen Erlebnis. Auch was zu erzählen? Schreibt an: laura.cwiertnia@zeit.de